Hallöchen zusammen... ich möchte mich kurz vorstellen:
Ich bin 32 Jahre jung und wohne in Gelsenkirchen... - kurz zu meiner Person:
.. ich klage schon seit fast 5 Jahren über Schmerzen im Schulterbereich... in all den Jahren habe ich mehrere Orthopäden aufgesucht.. immer wieder Diagnosen, wie Verspannungen zu wenig Bewegung- mir wurden Massagen, Krankengymnasik etc. verordnet und ich habe wirklich alles mitgemacht...
Im letzten Jahr kam der Schock... wieder klagte ich über Schmerzen im HWS Bereich und in beiden Schultern.. wurde zur Kernspintographie überwiesen.. Resultat des Radiologen: zu 99% ein bösartiger Tumor im linken Oberarm... wurde zur Tumorklinik nach Essen überwiesen und musste mich enorm psychischen Druck aussetzen... Ende vom Lied NACH der Biopsie (2 Wochen später) es war gott sei dank ein gutartiger Tumor (Enchomdrom) .. nun gut... nachdem ich 20 Wochen krank gefeiert hatte... - und dachte nun hätt ich alles überstanden... traten die Schmerzen erneut auf... - nun über den ganzen Rücken verteilt... war dann wieder von September bis November letzten Jahres krankgeschrieben.. mich bei zig Ärzten vorgestellt... keiner konnte mir wirklich helfen...
Auf Eigeninitiative habe ich dann eine Schmerzklinik aufgesucht.... super Arzt - super Betreuung.... - er überwies mich wieder mal zum Radiologen... - und verordnetete mir Katadolon und Mirtazapin (15mg) aufgrund meiner wohl sichtlichen Depressionen... - bei dem Radiologen kam übrigens heraus (Morbus Bechterew)!!!! ... so, nun nehm ich seit 2 Wochen Mirtazapin... das einzig positive ist nun, dass ich Nachts gut durchschlafen kann...
Jetzt meine eigentliche Frage: .. mein Doc sagte mir, ich hätte eine leichte Depression mit der Bemerkung ich solle nicht erschrecken, dass auf der Tablettenschachtel "für depressive Erkankungen" steht- sie würde nur dazu dienen, dass ich Nachts gut schlafen kann- dürfe sie aber unter keinen Umständen einfach, ohne Rücksprache, absetzen... - bin etwas beunruhigt, da ich mittlerweile auch etwas zugenommen habe- und ich möchte nicht von den Tabletten abhängig werden... könnt ihr mir einen Rat geben?? ... es gibt halt Tage, da habe ich Weinkrämpfe trotz dieser Tabletten... und verstehe halt nicht ganz, wozu die Tablette dienen soll.. ich nehme auch nur 1 vor dem schlafengehen...
Ich hoffe, mein Geschreibsel hat euch nun nicht verwirrt... würd mich über ein paar Ratschläge sehr freuen...
herzlichen Dank und viele Grüsse
Tanja
.. ich bin auch neu hier
-
PhilRS
- Beiträge: 1071
- Registriert: 07.04.2005 10:16
- Wohnort: FI-Joensuu / DE-Berlin
- Danksagung erhalten: 48 Mal
- Kontaktdaten:
Hi Tanja,
nach meiner begründeten Einschätzung (s.u.) ein typischer Fall von "nach dem Hörensagen"-Verschreibung. Kein guter therapeutischer Ansatz.
Mirtazapin wird zur Zeit vom Hersteller des Präparats und dessen "habilitierten Pharmareferenten" (also Professoren, die dem Hersteller hörig sind) als Unterstützung bei der Schmerztherapie propagiert.
Es gibt aber keine Studien noch sonstigen Belege für die Wirksamkeit, sowie - was noch erschwerend hinzu kommt - keine Prüfungen zur Langzeitsicherheit bei dauernder Anwendung, wie sie in der Schmerztherapie (die mit besonderen Kautelen einhergeht) die Regel ist.
Folglich hat Mirtazapin auch keine Zulassung hierfür! Sondern diese Verwendung geschieht außerhalb der zugelassenen Indikation.
D.h. der Arzt haftet persönlich dafür, wenn er dieses Medikament verschreibt - mit allen Konsequenzen.
Daher sollte er, wenn er die so genannte "Therapiefreiheit" in Anspruch nimmt, wenigstens eine ausreichende Patientenaufklärung vornehmen.
Dass er das nicht getan hat, entnehme ich Deinen Mutmaßungen über eine "sichtliche Depression" => das ist Quatsch; eine Depression ist selten "sichtlich" und muss ordentlich diagnostiziert werden.
<hr>
Zum Hintergrund der Antidepressiva-Verordnung in der Schmerztherapie.
Korrekt ist, dass Antidepressiva in der Schmerztherapie als so genannte "Adjuvanzien" gebräuchlich sind. Der Nutzen hierbei ist für Amitryptilin und einige weitere trizyklische Antidepressiva belegt, also für Substanzen, die schon seit Jahrzehnten in Gebrauch sind und bei denen sich das Verhältnis von Nutzen und Risiko ganz gut abschätzen lässt.
Man verordnet diese Antidepressiva "adjuvant" - zusätzlich, unterstützend - zum Schmerzmittel.
Dieses Prinzip lässt sich auch in Deinem Fall erahnen: Katadolon (Flupirtin, =Schmerzmittel mit relaxierender Wirkung) plus Antidepressivum. Nur dass als AD. hier eine ungeprüfte Substanz verwendet wird, deren Einsatz sich nicht gut begründen lässt!
WARUM Antidepressiva schmerzlindernd wirken, darüber existieren verschiedene Theorien. Klar scheint heute zu sein, dass es eben nicht oder nicht nur darauf ankommt, dass sie die Stimmung heben, und damit die Schmerzempfindung verändern (bei schlechter Stimmung soll Schmerz eher belastend sein als bei besserer Stimmungslage, was aber nur vordergründig die Wirkung plausibel macht).
Diskutiert wurde z.B. ein eigener Effekt der trizyklischen Antidepressiva auf bestimmte Systeme der Schmerzübermittlung im Rückenmark.
Dies ist aber selbst für Amitryptilin noch nicht geklärt, und für Mirtazapin gibt es in diesem Anwendungsgebiet allenfalls bloße Annahmen - es handelt sich ganz offenkundig um Wunschdenken, das vom Hersteller des Mirtazapins gezielt gefördert wird.
In Beilagen zu Fachzeitschriften, die dafür vom Hersteller natürlich enorme Summen erhalten, in kostenlos zugesandten "Informationen", sowie in Beiträgen der erwähnten "habilitierten Pharmavertreter" auf Kongressen usw. ist in letzter Zeit immer wieder die Rede von der Anwendung von Mirtazapin bei Schmerzpatienten, und von "positiven Resultaten". Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält das alles nicht stand!
Meines Erachtens ist es vielmehr offensichtlich, dass hier die "Meinungsmacht" von Professoren und Magazinen zur Umsatzförderung eines Medikaments gezielt eingesetzt wird, das bei näherer Betrachtung wenig mit den gut erprobten Adjuvanzien gemein hat, und dessen Risiken noch nicht mal ansatzweise erkennbar sind - verglichen mit Amitryptilin eine schlechte Alternative.
Soweit zum Hintergrund dieser fragwürdigen Verschreibung. Wahrlich kein besonders tolles Zeugnis für den Schmerztherapeuten.
<hr>
Was wichtiger ist: Wie kannst Du damit umgehen?
Einige Teilnehmer hier, die persönlich unter Problemen zu leiden haben/hatten, die durch Mirtazapin verursacht wurden, würden bestimmt zu einem Arztwechsel raten.
Davon sehe ich ab (obwohl es eine Möglichkeit wäre, nur immer leichter gesagt als getan). Und zwar deshalb, weil Du schon einiges durchgemacht hast und immerhin sogar aus Eigeninitiative in eine spezielle Behandlung gegangen bist.
-> Was ich davon halte, dass Dir ausgerechnet dort statt einer vernünftigen Therapievariante das mglw. riskante Mirtazapin aufgedrückt wurde, lässt sich am ehesten so ausdrücken:
Eigentlich sollten solch spezialisierte Zentren es besser wissen.
Ich würde folgendes vorschlagen:
1.) Sprich den Arzt konkret darauf an, warum er Dir sofort Mirtazapin gab: Kann er mehr vorlegen als nebulöse "Erfahrungswerte" oder "neue Erkenntnisse" von irgendwelchen "Kapazitäten"?
- Warum überhaupt ein adjuvantes Antidepressivum?
Nur "zum besseren Schlafen" ist eine nicht ausreichende Begründung!
Dafür gibt es risikoärmere Alternativen; wenn es überhaupt ein Antidepressivum sein soll, dann gibt es wesentlich besser erprobte als das "exotische" Mirtazapin.
2.) Erwähne dieses Forum nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. "Im Internet gibt es viel Mist" ist eine Position, auf die sich ein Verordner, der sich in Frage gestellt fühlt, leicht zurückziehen kann, und dann kommt man mglw. nicht mehr argumentativ an ihn heran - besonders ungünstig, wenn man ohnehin nicht in bester Form ist, um zu diskutieren.
3.) Sollte es "hart auf hart" kommen, stehen mir alle nötigen Recherchemöglichkeiten zur Verfügung; alles oben Gesagte kann ich verlässlich belegen. Ich habe eigentlich wenig Zeit und auch weitere Gründe, so ein Angebot im Augenblick eher nicht zu machen: Aber da ich mich seit Jahren immer wieder gern mit Schmerztherapie befasse, ist das ein Ausnahmefall.
Du erhältst in Kürze eine PN (Persönliche Nachricht - oben in der Leiste auf jeder ADFD-Seite klicken) von mir mit weiteren Infos.
Einstweilen würde ich davon absehen, das Mirtazapin weiter einzunehmen.
Alles Gute von
-PhilRS.
nach meiner begründeten Einschätzung (s.u.) ein typischer Fall von "nach dem Hörensagen"-Verschreibung. Kein guter therapeutischer Ansatz.
Mirtazapin wird zur Zeit vom Hersteller des Präparats und dessen "habilitierten Pharmareferenten" (also Professoren, die dem Hersteller hörig sind) als Unterstützung bei der Schmerztherapie propagiert.
Es gibt aber keine Studien noch sonstigen Belege für die Wirksamkeit, sowie - was noch erschwerend hinzu kommt - keine Prüfungen zur Langzeitsicherheit bei dauernder Anwendung, wie sie in der Schmerztherapie (die mit besonderen Kautelen einhergeht) die Regel ist.
Folglich hat Mirtazapin auch keine Zulassung hierfür! Sondern diese Verwendung geschieht außerhalb der zugelassenen Indikation.
D.h. der Arzt haftet persönlich dafür, wenn er dieses Medikament verschreibt - mit allen Konsequenzen.
Daher sollte er, wenn er die so genannte "Therapiefreiheit" in Anspruch nimmt, wenigstens eine ausreichende Patientenaufklärung vornehmen.
Dass er das nicht getan hat, entnehme ich Deinen Mutmaßungen über eine "sichtliche Depression" => das ist Quatsch; eine Depression ist selten "sichtlich" und muss ordentlich diagnostiziert werden.
<hr>
Zum Hintergrund der Antidepressiva-Verordnung in der Schmerztherapie.
Korrekt ist, dass Antidepressiva in der Schmerztherapie als so genannte "Adjuvanzien" gebräuchlich sind. Der Nutzen hierbei ist für Amitryptilin und einige weitere trizyklische Antidepressiva belegt, also für Substanzen, die schon seit Jahrzehnten in Gebrauch sind und bei denen sich das Verhältnis von Nutzen und Risiko ganz gut abschätzen lässt.
Man verordnet diese Antidepressiva "adjuvant" - zusätzlich, unterstützend - zum Schmerzmittel.
Dieses Prinzip lässt sich auch in Deinem Fall erahnen: Katadolon (Flupirtin, =Schmerzmittel mit relaxierender Wirkung) plus Antidepressivum. Nur dass als AD. hier eine ungeprüfte Substanz verwendet wird, deren Einsatz sich nicht gut begründen lässt!
WARUM Antidepressiva schmerzlindernd wirken, darüber existieren verschiedene Theorien. Klar scheint heute zu sein, dass es eben nicht oder nicht nur darauf ankommt, dass sie die Stimmung heben, und damit die Schmerzempfindung verändern (bei schlechter Stimmung soll Schmerz eher belastend sein als bei besserer Stimmungslage, was aber nur vordergründig die Wirkung plausibel macht).
Diskutiert wurde z.B. ein eigener Effekt der trizyklischen Antidepressiva auf bestimmte Systeme der Schmerzübermittlung im Rückenmark.
Dies ist aber selbst für Amitryptilin noch nicht geklärt, und für Mirtazapin gibt es in diesem Anwendungsgebiet allenfalls bloße Annahmen - es handelt sich ganz offenkundig um Wunschdenken, das vom Hersteller des Mirtazapins gezielt gefördert wird.
In Beilagen zu Fachzeitschriften, die dafür vom Hersteller natürlich enorme Summen erhalten, in kostenlos zugesandten "Informationen", sowie in Beiträgen der erwähnten "habilitierten Pharmavertreter" auf Kongressen usw. ist in letzter Zeit immer wieder die Rede von der Anwendung von Mirtazapin bei Schmerzpatienten, und von "positiven Resultaten". Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält das alles nicht stand!
Meines Erachtens ist es vielmehr offensichtlich, dass hier die "Meinungsmacht" von Professoren und Magazinen zur Umsatzförderung eines Medikaments gezielt eingesetzt wird, das bei näherer Betrachtung wenig mit den gut erprobten Adjuvanzien gemein hat, und dessen Risiken noch nicht mal ansatzweise erkennbar sind - verglichen mit Amitryptilin eine schlechte Alternative.
Soweit zum Hintergrund dieser fragwürdigen Verschreibung. Wahrlich kein besonders tolles Zeugnis für den Schmerztherapeuten.
<hr>
Was wichtiger ist: Wie kannst Du damit umgehen?
Einige Teilnehmer hier, die persönlich unter Problemen zu leiden haben/hatten, die durch Mirtazapin verursacht wurden, würden bestimmt zu einem Arztwechsel raten.
Davon sehe ich ab (obwohl es eine Möglichkeit wäre, nur immer leichter gesagt als getan). Und zwar deshalb, weil Du schon einiges durchgemacht hast und immerhin sogar aus Eigeninitiative in eine spezielle Behandlung gegangen bist.
-> Was ich davon halte, dass Dir ausgerechnet dort statt einer vernünftigen Therapievariante das mglw. riskante Mirtazapin aufgedrückt wurde, lässt sich am ehesten so ausdrücken:
Eigentlich sollten solch spezialisierte Zentren es besser wissen.
Ich würde folgendes vorschlagen:
1.) Sprich den Arzt konkret darauf an, warum er Dir sofort Mirtazapin gab: Kann er mehr vorlegen als nebulöse "Erfahrungswerte" oder "neue Erkenntnisse" von irgendwelchen "Kapazitäten"?
- Warum überhaupt ein adjuvantes Antidepressivum?
Nur "zum besseren Schlafen" ist eine nicht ausreichende Begründung!
Dafür gibt es risikoärmere Alternativen; wenn es überhaupt ein Antidepressivum sein soll, dann gibt es wesentlich besser erprobte als das "exotische" Mirtazapin.
2.) Erwähne dieses Forum nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. "Im Internet gibt es viel Mist" ist eine Position, auf die sich ein Verordner, der sich in Frage gestellt fühlt, leicht zurückziehen kann, und dann kommt man mglw. nicht mehr argumentativ an ihn heran - besonders ungünstig, wenn man ohnehin nicht in bester Form ist, um zu diskutieren.
3.) Sollte es "hart auf hart" kommen, stehen mir alle nötigen Recherchemöglichkeiten zur Verfügung; alles oben Gesagte kann ich verlässlich belegen. Ich habe eigentlich wenig Zeit und auch weitere Gründe, so ein Angebot im Augenblick eher nicht zu machen: Aber da ich mich seit Jahren immer wieder gern mit Schmerztherapie befasse, ist das ein Ausnahmefall.
Du erhältst in Kürze eine PN (Persönliche Nachricht - oben in der Leiste auf jeder ADFD-Seite klicken) von mir mit weiteren Infos.
Einstweilen würde ich davon absehen, das Mirtazapin weiter einzunehmen.
Alles Gute von
-PhilRS.
Potenzieller Interessenkonflikt: Beamter, Forensische Psychiatrie (Finnland) seit 1/08.
Quellen: Medizin allgemein BMJ | JAMA | Lancet | NEJM || Psychiatrie/Neurologie Acta Psychiatr Scand | Am J Psychiatry | Arch Gen Psychiatry | Br J Psychiatry | JAACAP | JCPP | J Clin Psychiatry | J Clin Psychopharmacol | Neurology || Open Access | Ann Gen Psychiatry | BMC Psychiatry | Can J Psychiatry | CMAJ | CNS Spectrums | Depress Anxiety | PLoS Med
Quellen: Medizin allgemein BMJ | JAMA | Lancet | NEJM || Psychiatrie/Neurologie Acta Psychiatr Scand | Am J Psychiatry | Arch Gen Psychiatry | Br J Psychiatry | JAACAP | JCPP | J Clin Psychiatry | J Clin Psychopharmacol | Neurology || Open Access | Ann Gen Psychiatry | BMC Psychiatry | Can J Psychiatry | CMAJ | CNS Spectrums | Depress Anxiety | PLoS Med