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Rivotril (Clonazepam)-Entzug überstanden

Hier lassen sich auch viele Erfahrungsberichte über das Absetzen von Antidepressiva und Benzodiazepinen finden.
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Garafia
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Rivotril (Clonazepam)-Entzug überstanden

Beitrag von Garafia »

Ich habe einen Rivotrilentzug unvorbereitet, aber erfolgreich hinter mir und möchte hier von meinen Erfahrungen berichten und anderen Mut machen, zumal mir dieses Forum in meiner Entzugsphase auch sehr geholfen hat.


Vorgeschichte:

Ich habe 9 Jahre lang Rivotril (Clonazepam) eingenommen. In den ersten Jahren 0,9 mg und in den letzten 1,2 mg täglich (Tropfen verteilt über 3 x am Tag). Verschrieben bekommen habe ich das aufgrund eines Verdachtes auf beginnenden Schiefhals (Tremorform). Da ich Angstpatientin bin, kam mir die beruhigende Wirkung von Rivotril sehr entgegen. Zwischendurch musste ich aber immer wieder mal zusätzlich noch ein Antidepressivum (Opipramol) einnehmen.

Da ich in den letzten 3 – 4 Jahren sehr stressempfindlich geworden bin, mir von leichter Belastung (sportliche Tätigkeiten musste ich sehr einschränken) schnell schwindelig wurde und der Puls in die Höhe schnellte, ich außerdem mit starkem Haarausfall zu kämpfen hatte, lag der Verdacht nahe, dass dies evtl. Langzeitschäden durch die Medikamente sein könnten.


Ausschleichen:

Also habe ich in Absprache mit meiner Neurologin und meinem Therapeuten das Rivotril langsam ausgeschlichen. Von Jahresbeginn an von 3 x 4 Tropfen ganz langsam, bis ich Ende Juli ohne war. Der Schwindel und die Stresssymptome wurden im Laufe der Monate immer stärker, je weniger Tropfen ich nahm. Trotzdem gelang es mir noch, weiter arbeiten zu gehen. Als ich im Juli bei 2 Tropfen täglich angelangt war, musste ich mir einen Krankenschein nehmen, da u. a. Laufen für mich aufgrund der Gleichgewichtsstörungen kaum noch möglich war. Außerdem stieg die Angst und Begleiterscheinungen wie extremes Schwitzen, Muskelschwäche und Konzentrationsstörungen traten auf.


Entzug:

Mit Absprache der Ärztin setzte ich das Rivotril ganz ab und gleichzeitig auch Opipramol (die ich mit 75 mg am Tag genommen hatte), was ein Fehler war, wie ich später feststellte. In den ersten Tagen ohne die Medikamente habe ich mich gar nicht viel schlechter gefühlt als die Tage davor, doch spätestens nach einer Woche wurde es extrem: ich konnte meinen Kopf nicht mehr halten (er war schwer und zuckte), bekam Schwindel bei den kleinsten Geräuschen, sprechen und zuhören war teilweise kaum noch möglich, Flackern vor den Augen trat auf, ich konnte nicht mehr sitzen. Die Angst wurde stetig schlimmer und ein Fremdheitsgefühl entwickelte sich.

Die Angst wirkte sich in sämtlichen Formen aus: Angst vor dem Erschrecken, vor negativen Nachrichten, vor Mails, vor Geräuschen, Angst, dass die Angst bleibt und dass es nicht am Entzug liegt, sondern an mir, Angst, dass ich nicht mehr fähig bin, die Angst zu überwinden bzw. zu bekämpfen, Angst vor bestimmten „Situationen“ und Menschen im Fernsehen.

Zeitweise war die Angst auch komplett weg, von einer Minute auf die andere, als ob jemand einen Hebel umgeschaltet hätte. Es gab dann Phasen, in denen ich richtig aufgekratzt war und viel erzählen wollte, als ob ich gekifft hätte o. ä. Ich bin zwischendurch immer wieder in so eine Art Wachzustand geraten bzw. hatte den Eindruck, als ob ich vorher nicht in dem Zustand war. Mein Gehirn hat das Geredete und alles was um mich herum geschah ganz langsam verarbeitet.

Ich bekam Schlafstörungen aufgrund von Angst und Zuckungen sowie Geräuschen. Es traten halluzinationsähnliche Zustände auf. Ich konnte zwischen Realität und Einbildung nicht mehr richtig unterscheiden. Ich bekam Angst, in der Klapse zu landen, für immer verrückt zu werden, bekam Angst vor „Untoten“, die mich erschrecken könnten. Angst vor meinen Gedanken, Angst vor der Angst. Ich dachte drei Mal fest daran, alles wäre nur ein Alptraum und ich würde jeden Moment wieder aufwachen.

Starke Panikattacken und Missempfindungen, als wäre ich gelähmt (insbesondere in Armen und Beinen) stellten sich ein. Die längste Panikattacke dauerte 1 ½ Tage. Ich stand und saß apathisch auf meinem Bett oder stand irgendwo im Raum.

Nur Ablenkung hat mir geholfen. Ich hatte jedoch Angst, mich immer ablenken zu müssen, da ich nicht mehr entspannen konnte. Ich habe gedacht, ich werde zukünftig immer durch die Gegend hetzen müssen, damit die Angst nicht wieder kommt.


Der Arzttermin nach 2 Wochen Entzug:

Ich habe es kaum geschafft, zur Ärztin zu fahren. Sie machte jedoch keine Hausbesuche. Ich hatte die Wahl zwischen Klinik und Arztbesuch, denn ansonsten wäre ich nicht weiter krank geschrieben worden. Also quälte ich mich zusammen mit meinem Freund zum Arzt. Der Termin ergab, ich solle wieder Opipramol nehmen und sie gab mir zwei Wochen Zeit mich zu „bessern“, danach müsse ich in die Klinik. Sie würde keinen Zusammenhang mit einem Entzug sehen. Es wären psychische Symptome, die mit dem Medikamentenentzug nichts zu tun hätten. Nach dem Termin stieg eine enorme Hoffnungslosigkeit in mir hoch und ich war sicher nicht mehr gesund zu werden!

Es stellte sich eine extreme Panik bei mir dahingehend ein, dass ich in die Klinik komme. Nach ein paar Tagen Opipramol-Einnahme ließ die Panik etwas nach. Mir ging es angstmäßig dann nach 2 Wochen ca. 30 % besser. Die anderen Symptome, wie z. B. diese übermäßige Geräuschempfindlichkeit, Muskelschwäche, Konzentrationsstörungen usw., blieben.


Klinik:

Ich hatte zwar noch tierische Angst, habe mich aber innerhalb von 3 Wochen weiteren Krankenschein mit dem Gedanken der Klinik angefreundet, da ich dachte, dass man dort auf den Entzug eingeht. Fehlanzeige! Ich musste in der Klinik (psychosomatische Abteilung) die komplette Gruppentherapie mitmachen. Den ganzen Tag hatte ich Patienten um mich herum und dazu noch Fluglärm (Einflugschneise) bei meiner Geräuschempfindlichkeit. Man gab mir etwas zur Beruhigung (Atonsil). Das half jedoch überhaupt nicht. Ich konnte mich auf kein Gespräch konzentrieren, war nur mit meinen Symptomen beschäftigt. Der Schwindel wurde wieder stärker, die Missempfindungen ganz extrem: teilweise als ob ich nur noch aus Knochen bestehen würde, teilweise als wären Körperteile gelähmt. Bei Geräuschen hatte ich ein ganz unangenehmes Druckgefühl in den Gliedern, worauf ich eine Panikattacke nach der anderen bekam. Im Spiegel konnte ich mich kaum noch erkennen. Kam mir selbst ganz fremd vor. Die Menschen um mich herum kamen mir alt und hässlich vor. Ich war völlig neben der Spur. Ich habe 4 Tage ausgehalten, bis ich dann einen hysterischen Anfall bekommen habe. Es ging gar nichts mehr. Ich hatte das Gefühl, dass ich, wenn ich noch einen Tag bleibe, in der geschlossenen Anstalt lande und eine Psychose bekomme.

Zu Hause brauchte ich mehrere Tage um mich von dem Stress zu erholen. Ich habe das Atonsil sofort wieder abgesetzt.

Wieder sah ich keine Hoffnung mehr. Ich habe mich in der Zukunft nirgendwo gesehen, dachte, dass ich bald tot sein muss.

Am schlimmsten war der Druck meiner Ärztin, da sie angeblich Druck von der Krankenkasse bekommen hat. Sie gab mir jedoch nach langem Betteln weitere 3 Wochen Zeit.


Ein neues Medikament:

Ende September fing ich an, Paroxetin einzuschleichen. In den ersten Tagen hatte ich viele Nebenwirkungen. Danach wurde es mit der Angst immer besser. Meine Ärztin sah die Besserung und gewährte mir noch weitere Wochen Krankenschein.

Innerhalb von 2 Monaten ging es mit mir dann rapide berauf. Ich bin wieder ein „normaler Mensch“ geworden.

Die Nebenwirkungen sind inzwischen weg. Die Entzugs-Symptome auch. Mir geht es immer besser. Meine Sinne sind noch ganz intensiv. Z. B. Berührungen fühlen sich ganz anders an als zu den Zeiten mit Rivotril. Daran muss ich mich noch gewöhnen.
Mir ist bekannt, das man Paroxetin auch ausschleichen muss und man mit Absetzsymptomen rechnen sollte. Ein Einstieg ins normale Leben war mir ohne medikamentöse Unterstützung jedoch leider nicht möglich.


Genesung:

Seit Mitte November habe ich eine Wiedereingliederung gestartet. Ich arbeite derzeit nur 3 Stunden und bin noch bis Januar krank geschrieben. Ich bin jedoch guter Dinge, dass ich es bis dahin schaffen werde, wieder normal arbeiten zu gehen.

Alles in allem: nach 4 Monaten ohne Rivotril geht es mir gut. Ich bin ein glücklicher Mensch, der wieder voll am Leben teilnehmen kann.


Was ich anderen raten möchte:

Bitte den Entzug gut planen. Es sollte eine Auszeit vom Job mit einkalkuliert werden. Bei mir wurden aus ein paar Wochen, mit denen ich gerechnet hatte, leider 6 Monate.

Es sollte ein Ort gewählt werden, an dem man sich wohl fühlt. Für mich wäre der Entzug in einer Klinik nichts gewesen, für andere ist es vielleicht sinnvoll, in ständiger ärztlicher Beobachtung zu stehen. Allerdings sollte eine Klinik gewählt werden, die sich darauf spezialisiert hat.

Wenn es zu Hause stattfindet, dann unter Aufsicht eines Arztes, der einen begleitet und der notfalls auch Hausbesuche macht und einen krankschreibt.

Bitte nicht den Kontakt zu Menschen verlieren, nicht einschließen. Auch wenn es noch so schwer fällt, an die frische Luft gehen und versuchen all das zu machen, was sonst immer Spaß gemacht hat.

Man sollte jemanden haben, der jederzeit erreichbar ist, für die ganz schlimmen Momente. Jemand der einem Mut zuspricht.

Für Fragen stehe ich euch gern zur Verfügung!!
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