- Betrifft:
Journal of the American Medical Association (JAMA, Publikation der US-Ärzteorganisation) 2006;295:499-507;
Vol. 295, Nummer 5 vom 1. Februar 2006: Volltext.
JAMA wartet im ersten Februarheft 2006 wieder mit einer Antidepressiva-Studie auf. Inzwischen enthält durchschnittlich jede 2.-3. Nummer einen oder gar mehrere Beiträge zum Einsatz von AD - es scheint derzeit DAS Thema zu sein.
- UPDATE - Ich schrieb hier seinerzeit:
"Nach den Hintergründen muss man nicht lange fahnden..." und meinte damit die vielen Negativmeldungen der letzten Monate, die den Ruf der SSRI ramponieren und somit die Herstellerprofite bedrohen - jedes Mal sozusagen ein 'Sargnagel' mehr.
Damals ahnte noch kein Leser, was nur 8 Tage später (!) im New England Journal of Medicine (NEJM) publiziert werden sollte - eine wahre Hiobsbotschaft (> ADFD) über tödliche Risiken für Neugeborene bei SSRI-Einnahme der Mutter! Die Herausgeber der beiden Journals und - aufgrund bestimmter Abmachungen zu "absatzrelevanten" Artikeln - auch die SSRI-Produzenten wussten allerdings sehr wohl, was kommen würde.
Es handelte sich also bei diesem JAMA-Artikel mit großer Sicherheit um einen vorsorglich vorgeschobenen Positivbericht, der den "Einschlag" der NEJM-Information abmildern sollte. Das ist ein Skandal für sich. Ganz folgerichtig werden inzwischen alle neueren Warnungen vor SSRI-Schwangerschaftsrisiken von einem Hinweis auf die hier vorgestellte Studie begleitet - das berühmte "ABER", das den Ärzten als Argument für unveränderte Weiterverordnung dient, obwohl es ethisch inakzeptabel ist.
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Es handelt sich bei der vorgestellten Untersuchung um eine prospektive Studie an ca. 200 Frauen, die unter langfristiger AD-Medikation schwanger wurden und unter der Schwangerschaft
- entweder die Antidepressiva absetzten,
- oder die Einnahme fortführten.
- ferner wurden noch Gruppen definiert, in denen die Dosis gesenkt oder erhöht wurde.
Die Ergebnisse:
Von 201 Frauen hatten insgesamt 43% einen Rückfall, d.h. sowohl die "Absetzerinnen" als auch die "Nicht-Absetzerinnen" zusammengenommen. Die Hälfte aller Rückfälle trat im 1. Trimenon auf.
Unter denen, die ihre AD absetzten, hatten 68% einen Rückfall während der Schwangerschaft.
Bemerkenswerterweise hatten von den Frauen, die ihre AD weiter einnahmen, immerhin 26% einen Rückfall.
Messbare Zusammenhänge fand die Studie zwischen dem Rückfallrisiko und der bisherigen Krankheitsdauer sowie zwischen dem Rückfallrisiko und der Zahl früherer Rückfälle.
Schlussfolgerungen der Autoren:
Die Schwangerschaft habe nicht die bislang vermutete Schutzwirkung vor Depressionen. Bestimmte Gruppen von Schwangeren (s.o.) sollten vor einem Absetzen der AD gewarnt werden, anderen könne man dazu raten.
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Die Studie hat viele interessante Details, vor allem jedoch einige wesentliche Schwächen in den erhobenen Daten und bei der Bewertung der Resultate (über das prospektive Design sehen wir einmal hinweg).
1. Fehlende Details zu den Symptomen beim Absetzen.
Es werden lediglich HAM-D-Werte und die diagnostischen Kriterien genannt.
2. Missachtung bisheriger Forschung.
Die Autoren gehen nicht angemessen auf die vorhandenen Befunde ein, die eine depressionsverhütende Wirkung der Schwangerschaft nahelegen.
3. Rückfälle trotz weitergeführter AD-Einnahme ungeklärt.
Die Tatsache wird kaum sinnvoll erörtert bzw. wird suggeriert, dass die 26%, die trotz fortgeführter AD-Einnahme einen Rückfall hatten, diesen wegen fehlenden Depressions-Schutzeffekts der Schwangerschaft erlitten hätten.
Das ist gelinde gesagt Humbug - hier wird ein offenkundiges Argument gegen eine AD-Wirksamkeit umschifft und auf manipulative Art umgedeutet (denn 1/4 Rückfallrisiko entspricht exakt der bei Nicht-Schwangeren unter AD-Medikation beobachteten Quote !). Die Konsequenz hieße "in der Schwangerschaft treten besonders viele Depressionen auf" - was jedoch völlig dem Kenntnisstand der Menschheit (seit Jahrtausenden) widerspräche.
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Richtiggestellte Schlussfolgerungen:
Die Resultate der Studie eignen sich bei Änderung des Betrachterstandpunktes als Belege für die besonderen Risiken von SSRI-Antidepressiva. Dass diese Tatsache nicht einmal in der Ergebnisdiskussion erwähnt wird, ist ein krasser Verstoß gegen die Grundsätze korrekten wissenschaftlichen Publizierens.
Die Untersuchung ist demnach als mangelhaft einzustufen. Den Autoren muss eine massiv verzerrte Wahrnehmung bescheinigt werden.
A) Wenn Absetzen von AD außerhalb der Schwangerschaft Entzugsprobleme macht (ist bekannt), dann sind derartige Erscheinungen bei Schwangeren, die absetzen, zunächst genau so zu erwarten.
B) Wenn man unterstellt, dass Schwangere besser geschützt sind gegen psychische Probleme als Nicht-Schwangere, dann müssten die Probleme beim Entzug wohl generell ernster genommen werden als bisher üblich - da es "sogar Schwangere" erwischt.
C) Die in der Studie so genannten Rückfälle sind stark verdächtig auf unerkannten Entzug, da erneute Zufuhr der AD sie so rasch beseitigt, wie eine antidepressive Wirkung sonst nicht eintritt.
D) Der Zusammenhang zwischen angegebener Krankheitsdauer und "Rückfall" spricht für Entzug statt Depression, der Zusammenhang mit früheren "Rückfällen" ebenfalls.
Denn exakt das würde man bei langfristiger Einnahme eines Problemarzneimittels/Suchtmittels erwarten - mit steigender Dauer der Zufuhr wird das Absetzen immer schwieriger, und mit einer größeren Zahl früherer, gescheiterter Absetzversuche sinkt immer die Chance auf Erfolg beim nächsten Anlauf.
Dass derartige Überlegungen von der Autoren der Studienpublikation vollkommen ausgeklammert werden, lässt an deren Unvoreingenommenheit zweifeln. Das wiegt um so schwerer, als der Artikel zur Relativierung von Negativstudien instrumentalisiert wird - siehe Einleitung.
-PhilRS.