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Zum Weltfrauentag: Frauen und Psychopharmaka

Eine Sammlung von Artikeln, die über wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche Hintergründe der Behandlung von seelischen Leiden mit Psychopharmaka berichten.
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LinLina
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Zum Weltfrauentag: Frauen und Psychopharmaka

Beitrag von LinLina »

Hallo,

Ist zwar ein etwas älterer Artikel, aber anlässlich des Weltfrauentages heute will ich darauf aufmerksam machen:

Immer noch werden Frauen oft als grundsätzlich schwächer, psychisch anfälliger gesehen.

Immer noch werden viele Frauen die in Pubertät, Menstruation, Geburt und Wechseljahren frauenspezifische Situationen und Bedürfnisse haben, nicht ausreichend anerkannt und unterstützt sondern schnell als "psychisch krank" etikettiert und medikamentös "behandelt".

Immer noch werden zugrundeliegende Traumata nicht ausreichend bearbeitet und erlittene Demütigungen und Unrecht nicht ausreichend anerkannt.

Immer noch gelten Frauen auch bei körperlichen Beschwerden schnell als "hysterisch", nur heute verwendet man eher Begriffe wie psychosomatisch, somatoform, oder zugrundeliegende Depressionen oder Angststörung.

In Amerika nahmen 2011 ein Viertel aller Frauen Psychopharmaka.

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http://www.theguardian.com/commentisfre ... psych-meds :

Sind Frauen verrückt?

Die meist männlichen "großen Denker" neigten dazu, sowohl physisch als auch psychisch Frauen als das schwächere Geschlecht zu charakterisieren. In Platons "Timaios", wird weibliche "Launenhaftigkeit und schlechtes Benehmen" mit der "wandernden-Uterus-Theorie" erklärt.

Die Gebärmutter "trenne sich ab und in jeder Richtung durch den Körper wandernd und wütend, die Atemwege abdrückend und dadurch die Atmung behindernd, kann sie alle Arten von Krankheiten verursachen." Einige Jahrhunderte später erweiterte ein griechischer Arzt namens Galen die Erklärung des Athener. Für ihn entstammten alle seelischen Erkrankungen von Frauen aus ihrem Sexualtrieb: Frauen würden "hysterisch" werden, wenn sie nicht ausreichend Sex hätten.

Von Galens Zeitalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es verschiedene "Verordnungen" für schwere Fälle von Hysterie: Verheiratete Frauen müssten mehr Geschlechtsverkehr mit ihren Ehemännern haben, und alleinstehenden Frauen wurden "Beckenmassagen" von qualifizierten Fachleuten empfohlen um einen "hysterischen Krampfanfall" (heute bekannt als Orgasmus) hervorzurufen. Die letztgenannte Praxis wurde schließlich allen Frauen unabhängig von ihrem Familienstand empfohlen und erreichte ihren Höhepunkt ( :-) ) in Europa und den USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vibrator-Behandlungen, nicht überraschend, wurden zu einer der beliebtesten ambulanten Behandlungsprozeduren dieser Zeit.

Kurze Zeit später verlor die "Hysterie" ihre universelle Erklärungsmacht, und wurde von Sigmund Freud's Begriff des Penisneids ersetzt. Der Psychiater auf Österreich behauptete, Frauen seien komplett verrückt, weil sie, nun ja, keine Männer sind. Das Resultat? Kleine Mädchen würden angeblich alle zu masochistischen Frauen mit Vaterkomplex heranwachsen. Der angebliche Beweis wurde darin gesehen, dass sie ihre Haare gerne in einer "phallischen" Art in Zöpfen trugen.

Es wäre leicht, über diese Frauenfeindlichen Deutungsweisen zur seelischen Gesundheit zu lachen und sie als absurd und veraltet abzutun - aber nur bis man sich die kürzlich veröffentlichten Statistiken über psychiatrische Medikamente durchliest. Ein Bericht den MedCo letzte Woche veröffentlichte, zeigt dass 25 % aller Frauen in den USA Medikamente gegen Depressionen, Ängste, ADHS oder andere seelische Störungen einnehmen. Bei Männern sind es 15 %. Ein Artikel beschreibt, dass im letzten Jahrzehnt mehr und mehr Frauen Antidepressiva verschrieben bekamen, und dass fast doppelt so viele Frauen als Männer Medikamente gegen Ängste einnehmen. Die Erklärung eines Arztes: Frauen würden öfter Hilfe in Anspruch nehmen.

Nicht alle sind von dieser Begründung überzeugt, und das mit gutem Grund: Wenn ein Viertel aller amerikanischen Frauen als seelisch gestört gilt, ist die Auffassung von Normalität zweifelhaft. Außerdem werden Bedenken laut, dass wenn Frauen als statistisch gesehen instabiler dargestellt werden, die Gefahr besteht dass sie als "die Anderen" ausgegrenzt werden, ähnlich wie Kritiker der westlichen Gesellschaft als "verrückt" abgestempelt werden und in Heimen eingesperrt wurden (siehe Michel Foucault's Madness and Civilization).

"Eine von vier ist zu viel. Auch wenn viele Medikamente niemals eingenommen werden. Auch wenn manche dieser Verschreibungen nicht eingelöst wurden. Eine von vier legt nahe, dass entweder den Frauen, oder den Ärztinnen und Ärzten, ein ideal seelischer Gesundheit verkauft wird das unrealistisch ist"

Ich bin mir aber nicht sicher dass die Erklärung so einfach ist. Offensichtlich spielt Sexismus (wie schon zur Zeit der alten Griechen) oft eine Rolle bei diesen Diagnosen.

Es wurde schon viel darüber geschrieben, warum Frauen von ihren Ärzten nicht ernst genommen werden, die bekannterweise einfach Valium verteilt haben um ihre Patientinnen zum Schweigen zu bringen. Andererseits ist es auch nachvollziehbar, dass sich so viele Frauen unausgeglichen fühlen. Es ist fast schockierend dass die Anzahl nicht noch höher ist wenn man diese Vergewaltigungskultur berücksichtigt - und ihre fatalen psychologischen Auswirkungen - die in Amerika immer noch präsent ist. (Siehe den Aufschrei von Unterstützern von Joe Paterno, die mehr Sympathie für einen Football Trainer aufbringen, der den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen unter seiner Aufsicht in Penn State weitestgehend "übersehen" hat, als für die Opfer des mutmaßlichen Täters Jerry Sandusky).

Es ist nicht weit hergeholt, anzunehmen, dass ein so weitverbreitetes psychisches Erkranken ein sehr reelles Symptom ist für ein weitaus größeres Problem. Das Nationale Netzwerk für Vergewaltigung, Missbrauch, und Inzest (RAINN) berichtet, dass eine von sechs amerikanischen Frauen das Opfer einer versuchten oder vollzogenen Vergewaltigung geworden ist - 17,7 Millionen amerikanische Frauen. Bei Männern beträgt dieser Anteil 3 %.

"Mädchen im Alter von 16 - 19 Jahren haben ein vier mal höheres Risiko als der Rest der Bevölkerung zu Opfern von Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung oder sexuellen Übergriffen zu werden" legen die Statistiken des RAINN nahe. Die Zahlen zeigen auch, dass 7 % der Mädchen in der 5-8 Klasse und 12 % der Mädchen in der 9. bis 12. Klasse bereits Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Für männliche Jugendliche ist diese Zahl geringer: 3% beziehungsweise 5 %. Etwa 60% dieser Übergriffe werden niemals berichtet, und sogar wenn die Opfer darüber berichten ist es extrem schwierig die Fälle vor Gericht zu bringen und Verurteilungen zu erreichen, so dass nur 6 % aller Vergewaltiger zu einer Haftstrafe verurteilt werden.

Verständlicherweise fühlen sich die Opfer dieser Verbrechen oft traumatisiert, erleben Depressionen, Ängste, Posttraumatischen Stress und Suizidgedanken, schreibt RAINN. Dies könnte einen wesentlichen Anteil der seelischen Probleme über die Frauen berichten erklären. Natürlich fühlen sich viele Frauen nicht "normal" und "glücklich" nachdem sie zu Opfern gemacht wurden - und da sie in einer Gesellschaft leben wo sie auch noch für diese Agressionen beschuldigt und geächtet werden. Natürlich fühlt sich eine wesentlicher Anteil der Frauen nicht "ausgeglichen" und "rational": Auch wenn sie nicht Opfer sexueller Gewalt wurden, droht doch ständig diese Gefahr. Von früher Jugend an wird uns beigebracht ununterbrochen wachsam und auf der Hut zu sein. Wenn dennoch etwas schlimmes passiert - von einem U-Bahn-Masturbator bis hin zu einer brutalen Vergewaltigung - sind die verantwortlichen Behörden blind oder unterstellen, dass die Art der Kleidung des Opfers schuld an dem Übergriff war.

Auch nicht körperliche Gewalt - wie sexuelle Belästigung, unter der Frauen viel häufiger zu leiden haben - vermindern das kollektive Selbstwertgefühl. Es ist naiv, anzunehmen dass ein gesundes Selbstwertgefühl - wesentlich für die seelische Gesundheit - sich in einer Umgebung entwickeln kann, die uns ständig suggeriert dass wir nur aus "Busen und Hintern (engl T&A)" bestehen.


Dass eine von vier Frauen Psychopharmaka nimmt sollte uns nicht überraschen.

Überraschend und völlig unentschuldbar ist, dass wir immer noch nur die Symptome unserer krankmachenden Sexualpolitik behandeln, anstatt die Ursachen dieser Massenerkrankung zu bekämpfen.
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