Quelle: http://www.dgppn.de/presse/pressemittei ... ma-13.html
Psychopharmaka nur nach strenger Indikationsstellung und in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen verordnen
Es wurde festgestellt:
Das Wissen um Wirkungsweisen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Interaktionen von Psychopharmaka wächst rasant. Aus Sicht der DGPPN muss dieses Wissen noch viel breiter in der Versorgung ankommen. Denn ein Drittel aller Psychopharmaka werden in Deutschland heute von Hausärzten verschrieben. Deshalb braucht es eine kontinuierliche, unabhängige und transparente wissenschaftliche Information über Psychopharmaka.
„Wir müssen die Vorbehalte unserer Patienten gegenüber Psychopharmaka ernst nehmen und diese nur nach strenger Indikationsstellung in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen verordnen. Dazu benötigen wir aber auch die entsprechenden Behandlungssettings mit genügend Zeit und Raum für eine ganzheitliche Therapie“
Hm, da bleibt mir nur zu sagen: Zeit wird es endlich mal! Aber wenn man das jetzt ausruft: Psychopharmaka nur nach strenger Indikationsstellung und in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen verordnen - was hat man dann vorher gemacht?"Wir Ärzte müssen unsere Patienten sorgfältig und transparent über den Nutzen eines Wirkstoffs, aber auch über dessen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen aufklären“
Andererseits wird gesagt:
Ich weiß nicht, wie weit bei der DGPPN bekannt ist, dass die individuelle negative Reaktion auf die Medikamente, die Langzeiteinnahme oder das Absetzen gemäß der Leitlinien nach einer "erfolgreichen Therapie" dazu führen kann, dass Betroffene aufgrund von Absetzsyndromen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.Doch die Medikamente haben zu Unrecht einen schlechten Ruf: „Die wissenschaftlichen Leitlinien empfehlen eine Behandlung mit Medikamenten insbesondere bei schweren psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie oder bipolaren Störungen. Bestimmte Krankheitsbilder werden durch Psychopharmaka erst behandelbar, indem sie eine Basis für eine psychotherapeutische Behandlung und weitere Behandlungen wie Soziotherapie schaffen. Viele Betroffene profitieren von der Pharmakotherapie und können wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben.
In den Hintergrundinformationen (http://www.dgppn.de/fileadmin/user_uplo ... papier.pdf) leider eine etwas undifferenzierte Angabe zu Abhängigkeit. Zumindest die Begriffe körperliche Gewöhnung oder körperliches Abhängigkeitspotential könnten endlich mal fallen. Da nutzt auch der Hinweis nichts, dass es unterschiedlich diskutiert wird, wenn man danach nicht mehr darauf eingeht.
Interessant sind Formulierungen, die deutlich machen: Nichts genaues weiß man nicht.Machen Psychopharmaka abhängig?
Inwiefern bestimmte Psychopharmaka abhängig machen, wird von Wissenschaftlern unterschiedlich diskutiert. Es herrscht jedoch Einigkeit, dass Antidepressiva, Antipsychotika, Stimmungsstabilisierer und Antidementiva nicht abhängig machen, während Benzodiazepine und bestimmte Schlafmittel bereits nach einigen Wochen zu Gewöhnung und nach mehrmonatiger Einnahme auch zu Abhängigkeit führen können. Dennoch kann manchmal eine Dauertherapie mit einem solchen Medikament sinnvoll sein.
Hier sollte man genau lesen:Die Wirkung der Antidepressiva beruht primär wahrscheinlich darauf, dass sie in den Stoffwechsel der körpereigenen Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin (Botenstoffe, welche die Signalübertragung zwischen Nervenzellen vermitteln) im Gehirn eingreife, der bei vielen psychischen Störungen gestört zu sein scheint.
Diese bisher unzureichend verstandenen Wirkungen könnte Erklärungen liefern für die massiven Absetzsyndrome einzelner.Allerdings entfalten Antidepressiva viele andere molekulare Wirkungen, die in ihrer Bedeutung bisher nur unzureichend verstanden sind.
Ganz lesenswert ist das Statement von Prof. Dr. Gerd Glaeske: „Psychopharmaka im Fokus: Herausforderung für die Versorgung“
http://www.dgppn.de/fileadmin/user_uplo ... laeske.pdf
Interessant ist allerdings die Verteilung der angewendeten Antidepressiva: Die auffällige Steigerung begann mit der Vermarktung der Serotoninwiederaufnahmehemmer, den sogenannten SSRI, deren bekanntestes Präparat Mitte der 1980er Jahre Prozac war, in Deutschland als Fluctin vermarktet. Schon zu Beginn der Vermarktung wurde erhebliche öffentliche „Propaganda“ für diese Mittel von Firmen und Experten betrieben, vor allem der amerikanische Psychiater Peter Kramer hat sich besonders zugunsten der Anwendung von Prozac engagiert, aus seiner Sicht ein wirksames Mittel, um in Zukunft psychotherapeutische Verfahren überflüssig zu machen. (..) Das Motto insgesamt: Dont‘ worry, be happy. Viele der Diskussionen in dieser Zeit erinnerten an die Vermarktung von Valium Anfang der 1970er Jahre, das als rosarote Brille für die Psyche beworben wurde.
Schon damals wurden allerdings die raschen Steigerungsraten der SSRI, die im Vergleich zu den trizyklischen Antidepressiva als besser verträglich galten, kritisch kommentiert, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass neue Anwendungsgebiete wie z. B. Essstörungen oder Zwangssyndrome
zu diesem Markterfolg beitrugen. Die Mittel wurden vor allem in den USA auch für Kinder verordnet, als Auswirkungen waren Verhaltensstörungen nicht selten, die dann ihrerseits wieder als Grund für eine weitere Behandlung mit Psychopharmaka angesehen wurden.
Ohnehin ist in der Zwischenzeit eine gewisse Rationalität in der Bewertung der Antidepressiva eingekehrt. So weisen z. B. die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und die DGPPN darauf hin, dass Antidepressiva bei mild ausgeprägten Depressionen nicht mehr als Mittel der Wahl gelten. Die Responserate von Antidepressiva gegenüber Placebo liegt bei leichten Depressionen bei rund 20 %, eine ausreichende Wirksamkeit kann daher nicht erwartet werden. Selbst bei mittelschweren Depressionen bestehen offenbar begründete Zweifel am Nutzen von Antidepressiva, so dass sie in Kombination mit psychotherapeutischen Verfahren der Behandlung schwerer Depressionen vorbehalten sein sollten.
Ein Großteil der Antidepressiva wird übrigens ohne die Begründung einer einschlägigen Depressionsdiagnose verordnet, andererseits werden Depressionen sehr viel häufiger diagnostiziert als behandelt.
Schließlich ist unklar, ob Antidepressiva dazu beigetragen haben, die Suizidrate bei Menschen mit Depressionen zu senken. Patientengruppen weisen darauf hin, dass etwa ein Drittel der knapp über 10.000 Selbsttötungen in einem direkten Zusammenhang mit einer Depression stehen und dass Antidepressiva helfen könnten, diese Zahl zu verringern. Qualifizierte Studien haben diese Auswirkungen jedoch nicht bestätigen können.