Hallo Briana,
Briana hat geschrieben:Zuerst einmal möchte ich mich herzlich für Deine ausführliche Antwort bedanken - es hat mir sehr weiter geholfen!
Freut mich
sehr, ist doch was, wenn man das ganze Zeug was man mal gelernt hat, auch sinnvoll einsetzen kann (ich vermisse die klinische Arbeit sehr).
So, und jetzt wird es etwas kompliziert:
Das kann man wohl sagen! Oha:
Nächste Woche noch einmal einen Bluttest um alle Mangelerscheinungen ausschließen zu können.
Nun weiß ich nicht, was damit gemeint ist, könnte vieles sein. Ich will mal hoffen, dass
nicht die von mir erwähnten Sachen (Differential-Blutbild etc.) nachgeholt werden sollen - sonst müsste ich annehmen, da hätte jemand
Medizin auf der Kirmes studiert.
Dass dies leider nicht auszuschließen ist, zeigt der folgende Vorgang.
Dann sollte einen Termin vereinbaren und einen ADHS Test machen lassen. Meine Ärztin vermutet schon länger eine ADHS bei mir (eines meiner Zwillinge ist bereits positiv darauf diagonstiziert worden). Bei Frauen mit Essstörungen wird häufig eine ADHS festgestellt. Wenn dem so ist, werden wir Fluctin ausschleichen lassen und auf ein anderes Medikament umsteigen (evtl. Ritalin).
Naja, das heißt nun wohl Augen zu und durch.
NEIN !! Das heißt es nicht!
- Dummerweise habe ich ein Zeitproblem (wie zuletzt fast immer) und beantworte erstmal die anderen Dinge. Ich versuche irgendwann später noch was zum so genannten "Erwachsenen-ADHS" zu schreiben, speziell zur lächerlichen
"Leitlinie" der DGPPN.
Einstweilen nur soviel:
- Es ist umstritten, ob es "ADHS" überhaupt gibt. Die Diagnosekriterien sind jedenfalls fragwürdig.
- Noch fragwürdiger ist es, ob es bei Erwachsenen ADHS gibt.
- Die Tatsache, dass es im DSM-IV (USA) enthalten ist und - für Kinder! - in der Praxis akzeptiert wird, tut nichts zur Sache: Die Datenlage ist äußerst dünn.
Mag sein, dass ich durch persönliche Beobachtungen befangen bin: Ich habe keine Bedenken, meinen möglichen "Interessenkonflikt" zu benennen.
Leider tun das die DGPPN-Verantwortlichen
nicht, und das ist schlimmer, weil sie
Verantwortung tragen für Tausende mglw. fehlbehandelte Patienten!
- Doch wie gesagt, dazu ggf. später. Ich wollte nur erwähnen, dass alle (erwachsenen) Pat. mit "ADHS"-Diagnose, die mir begegnet sind,
fehldiagnostiziert waren - es wurde also "ADHS" bescheinigt, obwohl es keine war. In zwei Fällen ist daraus eine RITALIN-Abhängigkeit entstanden.
Vorerst könntest Du z.B.
das hier lesen. Die Einschätzungen dort sind sämtlich gut belegt und entspringen nicht etwa meiner Phantasie.
(Die wissenschaftlich korrekte Quellenangabe in der Übersicht hätte den Zeitaufwand verfünffacht, war darum im Rahmen des Forums verzichtbar. Anhaltspunkt: Ich schreibe stets so, dass ich einen theoretischen Gerichtsprozess (!) bestehen könnte - schließlich nehme ich hier mit meiner realen Identität teil, also eben nicht anonym.)
Zentraler Punkt: Wenn
jetzt schon auf das RITALIN - ein höchst riskantes Mittel - orientiert wird, dann bin ich hinsichtlich der "Diagnostik" doch reichlich skeptisch. So etwas ist nicht fach- und sachgerecht.
<hr>
Übrigens, ich habe einen BMI von 21. Wie könnte denn mein BMI mit den Symptomen in Zusammenhang stehen?
Ah ja, des Rätsels Lösung, eigentlich ganz simpel:
Fluoxetin ist - wie mehr oder weniger alle "aufs Gehirn zielenden" Mittel -
stark lipophil ("fettliebend").
Zu der langen Halbwertszeit, die auch zum Teil wiederum durch diese Eigenschaft bedingt ist, kommt ein ausgeprägter Effekt der Gewebebindung (für 'Kenner':
Verteilungsvolumen 20-40 Liter!), speziell natürlich
Einlagerung ins Fettgewebe.
(Jetzt wird's etwas theorielastig ... aber Du hast ja gefragt!)
Wenn man/frau das Fluoxetin so lange (in 40mg-Dosis) eingenommen hat, dann ist das Fettgewebe gewissermaßen zu einem Fluoxetin-Speicher geworden (der Effekt ist bei Frauen bedeutend größer als bei Männern). Je nach BMI muss man dies berücksichtigen, wenn man die Relevanz der Dosisverringerung - speziell das Zeitfenster - abschätzen will.
Ein höherer BMI hätte in Deinem Fall das Fluoxetin als Auslöser unwahrscheinlicher gemacht, ein niedrigerer wahrscheinlicher: Denn nach Minderung der Dosis bei einem höheren BMI würde soviel Fluoxetin aus dem Speicher freigesetzt, dass die Plasmaspiegeländerung (d.h. Wirkstoff im Blut) deutlich "abgepuffert" werden sollte (die so genannte Steady-State-Einstellung braucht im Normalfall 2-4 Wochen, dementsprechend gibt's eine grobe Faustformel für die Wieder-Einstellung eines konstanten Wirkstoffspiegels im Blut nach Dosis-Absenkung).
Demnach hätte ich bei einem BMI ab (ganz grob) 24-25 recht eindeutig gesagt, dass dies kaum Absetzsymptome sein könnten, da nach ca. 2 Wochen der Fluoxetin-Spiegel einerseits erst um 1/3 bis 1/2 der vorgenommenen Absenkung entsprechend gefallen sein dürfte (Achtung: weitere Einnahme von 20mg/d vorausgesetzt!) und andererseits die Wirkung nicht derart mit dem Plasmaspiegel'
parallel läuft, sondern langsamer nachzieht.
Dein BMI ist aber im unteren Normbereich, also keinesfalls erhöht. Das hatte ich zwar erwartet, denn das ist typisch für Bulimie** (aber
nicht immer der Fall!). - Ich musste dennoch sichergehen***, um einer Fehleinschätzung vorzubeugen.
- Denn ich sehe es u.g.U. als meine Aufgabe an, allzu schnelle "Schuldzuweisungen" an Antidepressiva zu bremsen, wenn wie in Deinem Fall bedeutende andere Ursachen zu berücksichtigen sind, weil
- sonst die Glaubwürdigkeit des ADFD leidet:
- wenn ohne Diskussion "immer die SSRI schuld sind" an Problemen, dann braucht jemand, der sich unsicher ist bzw. Hilfe sucht, gar nicht mehr hier zu fragen => er wüsste ja vorher welche Antwort kommt!
Fazit: Ich
revidiere meine erste Analyse dahingehend, dass Fluoxetin mit
mindestens 50% Wahrscheinlichkeit der Auslöser sein kann. Insofern stimme ich Linda also zu.
-> "Evidenz" nochmals kritisch geprüft; resultierende Empfehlung:
Wenn es geht, abwarten - d.h. ich rate nicht dazu, die Dosis wieder raufzusetzen, da
(1.) das Fluoxetin ohnehin nicht den erwarteten Nutzen gebracht zu haben scheint,
(2.) es bis zu einer Besserung - falls es ein Entzug ist - wiederum ähnliche Zeit dauern kann (ggf. etwas kürzer), und
(3.) die beabsichtigte Umstellung der "Pille" bzw. das Ende des Zyklus damit zusammenfallen dürfte.
Die Frage ist, was tut man statt dessen ... schwierig!
Vorerst bleibt natürlich abzuwarten, was die Laborwerte sagen. Ich halte die beschriebene Müdigkeit für hinreichend verdächtig, um erst einmal dem nachzugehen, bevor man weitere Umstellungen vornimmt.
(Was für ein Bandwurm-Posting, eine Stunde verbraten...)
Alles Gute wünscht
-PhilRS.
Anmerkungen:
* Plasma = "Blutflüssigkeit" ohne Zellen
** BMI ist ein Kriterium bei der DifferenzialDiagnose zwischen Bulimie vs. Anorexie: Normgewicht=>Bulimie, Untergewicht=>Anorexie
*** ich hatte erwartet, dass Du den BMI sofort parat hast - bitte mir das nicht übelzunehmen!
<hr>
UPDATE:
Erhöhe Schätzung auf
>60% für Fluoxetin als Auslöser (Prozentzahl ist nicht "zitierfähig" berechnet, sondern soll bei der schwer entscheidbaren Frage die Relation der Argumente/Wirkungen anschaulicher machen).
-> Begründung: Habe Häufigkeitsangaben und Arten psych. Störwirkungen von BELARA einbezogen (gem. Fachinfo); außerdem steht die Symptomatik in klarem Gegensatz zum Befinden unter der höheren Dosis - Fluoxetin gilt solange als Auslöser der Müdigkeit, wie keine andere Ursache gefunden ist.
(jetzt muss ich aber wirklich weg:)
-PhilRS.