Besuche beim Arzt - Erfahrungen und Tipps
Verfasst: 15.11.2019 14:15
Besuche beim Arzt - Erfahrungen und Tipps
Viele Mitglieder berichten immer wieder von Besuchen bei Ärzten, die nicht sehr zufriedenstellend verlaufen. Insbesondere wenn sie den Entschluss gefasst haben, ihre Psychopharmaka abzusetzen, erfahren sie von Ärzten oft keine Unterstützung oder werden von ihnen zusätzlich verunsichert. Außerdem empfehlen Ärzte immer wieder eine zu schnelle Reduktion von Psychopharmaka.
Natürlich gibt es immer auch Lichtblicke am Horizont und man liest auch immer wieder von Ärzten, die dem Thema offen gegenüberstehen oder sogar Patienten hilfreich beim Absetzen unterstützen.
Da es aber eben auch viele negative Erfahrungen mit Ärzten gibt, würde ich hier gerne Erfahrungen und Tipps zu Besuchen bei Ärzten mit euch teilen, die vielleicht hilfreich dabei sein können, eure Absicht des Absetzens von Psychopharmaka erfolgreich umzusetzen.
Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, offen und direkt mit dem Arzt über den Absetzwunsch zu sprechen. Aber leider führt dies oft zu entmutigenden Ergebnissen und trifft auf wenig Verständnis und Akzeptanz.
Warnung zu Beginn:
Wenn es aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Suizidalität unumgänglich ist, dass ihr Medikamente einnehmt, bitte versucht nicht diese abzusetzen!
Die von mir folgenden Vorschläge sind für jene gedacht, die Psychopharmaka verordnet bekommen haben und denen sie nicht helfen und die sie deshalb langsam und möglichst schonend ausschleichen wollen.
Kommunikation mit dem Arzt:
Es kann hilfreich sein, möglichst ruhig und strukturiert mit dem Arzt zu sprechen. Je emotional aufgeladener du bist, umso unglaubwürdiger könnte dich der Arzt finden, was wiederum seine Vermutungen einer psychischen Krankheit und der Notwendigkeit der Verschreibung von Medikamenten steigern könnte.
Oft kann es sinnvoll sein, wenn du zunächst nur erwähnst deine Dosis senken zu wollen, um herauszufinden, ob du eine niedrigere Dosis auch gut verträgst. Wenn du sagst "Ich will meine Medikamente absetzen" lässt das bei vielen Ärzten die Alarmglocken schrillen. Außerdem kannst du so eine weitere Verschreibung der Medikamente erreichen, damit du diese langsam um maximal 10% der Dosis alle 4-6 Wochen reduzieren kannst. Es ist ja notwendig, dass du mit deinem Arzt zumindest ein solches Auskommen hast, dass er dir die Medikamente für den Zeitraum des Absetzens verschreibt.
Mögliche Reaktionen des Arztes und Vorschläge damit umzugehen:
"Sie müssen lebenslang Medikamente einnehmen und ein Absetzen ist nicht empfehlenswert"
Viele Ärzte vertreten nach wie vor die Theorie, dass manche Menschen unter einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn leiden, und dieses durch eine dauerhafte Gabe von Psychopharmaka behoben werden kann. Diese Theorie ist mittlerweile widerlegt. Siehe dazu auch 10 Mythen über Psychopharmaka
Meistens ist es nicht sinnvoll den Arzt belehren zu wollen. Die meisten Ärzte geben Fehler ohnehin nicht zu und wollen auch mit Patienten nicht darüber diskutieren. Es könnte oft besser sein, solche Themen gar nicht anzuschneiden, da die Diskussionen einen nur verunsichern und Energie rauben. Eine Möglichkeit wäre, man erklärt (wie oben erwähnt), dass man seine Dosis reduzieren will, um die möglichst geringste Erhaltungsdosis zu erreichen. Dieses Vorhaben unterstützen die meisten Ärzte.
"Sie können ruhig schneller reduzieren"
Viele Ärzte wissen nicht, dass sich das zu rasche Reduzieren von Psychopharmaka durch Absetzsymptome bemerkbar macht. Ihrer Ansicht nach sind Absetzsymptome kurzfristige Symptome, die sich ohnehin bald wieder legen.
Leider ist das in sehr vielen Fällen so nicht wahr, wie viele Mitglieder dieses Forums aus leidvoller Erfahrung wissen.
Es mag Menschen geben, die ein schnelles Reduzieren vertragen, oft führt aber genau das zu Absetzsymptomen.
Oft könnte es ausreichen, wenn man einfach erklärt, man will "zur Sicherheit" lieber langsamer absetzen. Wie genau die fein abgestimmten Dosierungen hergestellt werden (z.B. mittels Wasserlösmethode, Kügelchenmethode oder durch Benutzung einer Feinwaage) musst du mit dem Arzt gar nicht diskutieren, wenn du nicht willst. Die meisten Ärzte raten davon ab (weil es ihnen zu riskant erscheint, dass ein Patient mit solchen Mitteln exakte Dosierungen hinbekommt oder weil sie es schlichtweg nicht sinnvoll finden). Dann kannst du selbst die Reduktionsschritte so wählen, dass sie dich möglichst nicht belasten und du Absetzsymptome möglichst verringerst.
"Wenn Sie absetzen wollen, verordne ich Ihnen begleitend ein anderes Medikament, das die Entzugssymptome deckelt"
Leider hält sich der Mythos hartnäckig, dass man mit anderen Psychopharmaka die Absetzsymptome eines Psychopharmakons deckeln kann. Oft werden z.B. Benzodiazepine beim Entzug von einem SSRI verordnet, um auftretende Unruhe etc. zu deckeln.
Leider deckeln diese aber den Entzug nicht (immer), sondern führen oft zu neuen Abhängigkeiten und können noch mehr Unruhe in das Nervensystem bringen. Absetzsymptome lassen sich der Erfahrung in diesem Forum und in vergleichbaren anderen Foren nach nur durch ein möglichst langsames Reduzieren der Dosis (10% alle 4-6 Wochen) mildern oder vermeiden.
Wenn dir dein Arzt ein weiteres Psychopharmakum verschreiben will, kannst du entweder das Rezept annehmen und es nicht einlösen oder dankend ablehnen und erklären, dass du es erstmal ohne ein zusätzliches Medikament versuchen willst.
Was tun, wenn ich bereits an Absetzsymptomen leide, weil ich zu schnell reduziert/kalt abgesetzt habe?
Viele Ärzte erkennen Absetzsymptome nicht an oder vermuten dahinter das "Wiederauftreten der Grunderkrankung" (einen Rückfall der Symptome, wegen denen du das Psychopharmakon verschrieben bekommen hast).
Hier findest du allgemeine Infos, wie du zwischen Absetzsymptomen und einem Rückfall unterscheiden kannst: Absetzsymptome oder "Wiederauftauchen der Grunderkrankung"
Ärzte reagieren dann oft mit ähnlichen Aussagen, wie denen, die oben zum Absetzwunsch beschrieben wurden.
Außerdem empfehlen viele, einfach wieder zur "Normaldosis" zurückzukehren. Da auch ein solch hohes Aufdosieren eine Menge Stress für das Nervensystem bedeuten kann, ist es meist empfehlenswerter nur in einem bestimmten Zeitrahmen nach dem Absetzen und nur minimalste Mengen wieder einzudosieren. Siehe hier die Infos zum Wiedereindosieren
Manchmal wird auch einfach der Umstieg auf ein neues Psychopharmakon empfohlen. Dies lindert aber nicht die Absetzsymptome des ursprünglich eingenommenen Medikaments. Deshalb ist es ratsamer solche "Umstiege" zu vermeiden.
Du könntest deinen Arzt einfach höflich um die Ausstellung eines Rezepts des ursprünglichen Medikaments ersuchen, damit du es wieder einnehmen kannst. Dann kannst du nach Stabilisierung mit dem langsamen Ausschleichen fortsetzen/beginnen.
Rezept für die geeignete Darreichungsform erhalten:
Für die schrittweise Reduktion um maximal 10% der letzten Dosis ist es wichtig, ein Medikament in möglichst der besten Form (Kapseln mit kleinen Kügelchen, Tropfenform etc.) zu erhalten.
Viele Ärzte sind der Meinung, dass Wirkstoff gleich Wirkstoff ist und verschreiben einfach das Medikament in einer für sie bewährten Form. Wenn du ein Medikament möglichst in einer bestimmten Darreichungsform bekommen willst (z.B. in Tropfenform), könntest du deinem Arzt einfach erklären, dass du diese Version des Medikaments am besten vertragen hast. Viele Ärzte versuchen da den Wünschen ihrer Patienten nachzukommen. Oftmals kann man auch in der Apotheke nach einem bestimmten Hersteller eines Medikaments fragen (Achtung, es werden aber nicht alle Präparate von der Krankenkasse unterstützt, weshalb es manchmal schwieriger/kostenintensiver sein kann, das richtige Präparat zu bekommen).
Allgemein ist noch festzuhalten, dass dies nicht als Anleitung gedacht ist, um deinen Arzt hinter's Licht zu führen. Aber man liest hier leider regelmäßig, dass Mitglieder völlig verunsichert von Arztterminen zurückgekehrt sind und in ihrem Bestreben möglichst schonend und langsam auszuschleichen entweder nicht ernst genommen oder regelrecht behindert wurden.
Solltest du deinem Arzt gerne fundierte Informationen zum Thema zur Verfügung stellen wollen, eignet sich hierfür der Artikel des "Royal College of Psychiatrists" zum Thema "Antidepressiva absetzen". Niemandsland
hat diesen Artikel auch auf Deutsch übersetzt. Er ist hier verfügbar: viewtopic.php?f=6&t=18092
Liebe Grüße,
Cat
Viele Mitglieder berichten immer wieder von Besuchen bei Ärzten, die nicht sehr zufriedenstellend verlaufen. Insbesondere wenn sie den Entschluss gefasst haben, ihre Psychopharmaka abzusetzen, erfahren sie von Ärzten oft keine Unterstützung oder werden von ihnen zusätzlich verunsichert. Außerdem empfehlen Ärzte immer wieder eine zu schnelle Reduktion von Psychopharmaka.
Natürlich gibt es immer auch Lichtblicke am Horizont und man liest auch immer wieder von Ärzten, die dem Thema offen gegenüberstehen oder sogar Patienten hilfreich beim Absetzen unterstützen.
Da es aber eben auch viele negative Erfahrungen mit Ärzten gibt, würde ich hier gerne Erfahrungen und Tipps zu Besuchen bei Ärzten mit euch teilen, die vielleicht hilfreich dabei sein können, eure Absicht des Absetzens von Psychopharmaka erfolgreich umzusetzen.
Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, offen und direkt mit dem Arzt über den Absetzwunsch zu sprechen. Aber leider führt dies oft zu entmutigenden Ergebnissen und trifft auf wenig Verständnis und Akzeptanz.
Wenn es aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Suizidalität unumgänglich ist, dass ihr Medikamente einnehmt, bitte versucht nicht diese abzusetzen!
Die von mir folgenden Vorschläge sind für jene gedacht, die Psychopharmaka verordnet bekommen haben und denen sie nicht helfen und die sie deshalb langsam und möglichst schonend ausschleichen wollen.
Kommunikation mit dem Arzt:
Es kann hilfreich sein, möglichst ruhig und strukturiert mit dem Arzt zu sprechen. Je emotional aufgeladener du bist, umso unglaubwürdiger könnte dich der Arzt finden, was wiederum seine Vermutungen einer psychischen Krankheit und der Notwendigkeit der Verschreibung von Medikamenten steigern könnte.
Oft kann es sinnvoll sein, wenn du zunächst nur erwähnst deine Dosis senken zu wollen, um herauszufinden, ob du eine niedrigere Dosis auch gut verträgst. Wenn du sagst "Ich will meine Medikamente absetzen" lässt das bei vielen Ärzten die Alarmglocken schrillen. Außerdem kannst du so eine weitere Verschreibung der Medikamente erreichen, damit du diese langsam um maximal 10% der Dosis alle 4-6 Wochen reduzieren kannst. Es ist ja notwendig, dass du mit deinem Arzt zumindest ein solches Auskommen hast, dass er dir die Medikamente für den Zeitraum des Absetzens verschreibt.
Mögliche Reaktionen des Arztes und Vorschläge damit umzugehen:
"Sie müssen lebenslang Medikamente einnehmen und ein Absetzen ist nicht empfehlenswert"
Viele Ärzte vertreten nach wie vor die Theorie, dass manche Menschen unter einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn leiden, und dieses durch eine dauerhafte Gabe von Psychopharmaka behoben werden kann. Diese Theorie ist mittlerweile widerlegt. Siehe dazu auch 10 Mythen über Psychopharmaka
"Sie können ruhig schneller reduzieren"
Viele Ärzte wissen nicht, dass sich das zu rasche Reduzieren von Psychopharmaka durch Absetzsymptome bemerkbar macht. Ihrer Ansicht nach sind Absetzsymptome kurzfristige Symptome, die sich ohnehin bald wieder legen.
Leider ist das in sehr vielen Fällen so nicht wahr, wie viele Mitglieder dieses Forums aus leidvoller Erfahrung wissen.
Es mag Menschen geben, die ein schnelles Reduzieren vertragen, oft führt aber genau das zu Absetzsymptomen.
"Wenn Sie absetzen wollen, verordne ich Ihnen begleitend ein anderes Medikament, das die Entzugssymptome deckelt"
Leider hält sich der Mythos hartnäckig, dass man mit anderen Psychopharmaka die Absetzsymptome eines Psychopharmakons deckeln kann. Oft werden z.B. Benzodiazepine beim Entzug von einem SSRI verordnet, um auftretende Unruhe etc. zu deckeln.
Leider deckeln diese aber den Entzug nicht (immer), sondern führen oft zu neuen Abhängigkeiten und können noch mehr Unruhe in das Nervensystem bringen. Absetzsymptome lassen sich der Erfahrung in diesem Forum und in vergleichbaren anderen Foren nach nur durch ein möglichst langsames Reduzieren der Dosis (10% alle 4-6 Wochen) mildern oder vermeiden.
Was tun, wenn ich bereits an Absetzsymptomen leide, weil ich zu schnell reduziert/kalt abgesetzt habe?
Viele Ärzte erkennen Absetzsymptome nicht an oder vermuten dahinter das "Wiederauftreten der Grunderkrankung" (einen Rückfall der Symptome, wegen denen du das Psychopharmakon verschrieben bekommen hast).
Hier findest du allgemeine Infos, wie du zwischen Absetzsymptomen und einem Rückfall unterscheiden kannst: Absetzsymptome oder "Wiederauftauchen der Grunderkrankung"
Ärzte reagieren dann oft mit ähnlichen Aussagen, wie denen, die oben zum Absetzwunsch beschrieben wurden.
Außerdem empfehlen viele, einfach wieder zur "Normaldosis" zurückzukehren. Da auch ein solch hohes Aufdosieren eine Menge Stress für das Nervensystem bedeuten kann, ist es meist empfehlenswerter nur in einem bestimmten Zeitrahmen nach dem Absetzen und nur minimalste Mengen wieder einzudosieren. Siehe hier die Infos zum Wiedereindosieren
Manchmal wird auch einfach der Umstieg auf ein neues Psychopharmakon empfohlen. Dies lindert aber nicht die Absetzsymptome des ursprünglich eingenommenen Medikaments. Deshalb ist es ratsamer solche "Umstiege" zu vermeiden.
Rezept für die geeignete Darreichungsform erhalten:
Für die schrittweise Reduktion um maximal 10% der letzten Dosis ist es wichtig, ein Medikament in möglichst der besten Form (Kapseln mit kleinen Kügelchen, Tropfenform etc.) zu erhalten.
Viele Ärzte sind der Meinung, dass Wirkstoff gleich Wirkstoff ist und verschreiben einfach das Medikament in einer für sie bewährten Form. Wenn du ein Medikament möglichst in einer bestimmten Darreichungsform bekommen willst (z.B. in Tropfenform), könntest du deinem Arzt einfach erklären, dass du diese Version des Medikaments am besten vertragen hast. Viele Ärzte versuchen da den Wünschen ihrer Patienten nachzukommen. Oftmals kann man auch in der Apotheke nach einem bestimmten Hersteller eines Medikaments fragen (Achtung, es werden aber nicht alle Präparate von der Krankenkasse unterstützt, weshalb es manchmal schwieriger/kostenintensiver sein kann, das richtige Präparat zu bekommen).
Allgemein ist noch festzuhalten, dass dies nicht als Anleitung gedacht ist, um deinen Arzt hinter's Licht zu führen. Aber man liest hier leider regelmäßig, dass Mitglieder völlig verunsichert von Arztterminen zurückgekehrt sind und in ihrem Bestreben möglichst schonend und langsam auszuschleichen entweder nicht ernst genommen oder regelrecht behindert wurden.
Solltest du deinem Arzt gerne fundierte Informationen zum Thema zur Verfügung stellen wollen, eignet sich hierfür der Artikel des "Royal College of Psychiatrists" zum Thema "Antidepressiva absetzen". Niemandsland
Liebe Grüße,
Cat