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Pressemeldung DGPPN - Psychopharmaka

Verfasst: 10.09.2015 22:24
von Murmeline
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. hat gestern eine Pressemeldung herausgegeben im Rahmen des Hauptstadtsymposiums mit dem Thema: „Psychopharmaka im Fokus: Herausforderung für die Versorgung“
Quelle: http://www.dgppn.de/presse/pressemittei ... ma-13.html

Psychopharmaka nur nach strenger Indikationsstellung und in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen verordnen

Es wurde festgestellt:
Das Wissen um Wirkungsweisen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Interaktionen von Psychopharmaka wächst rasant. Aus Sicht der DGPPN muss dieses Wissen noch viel breiter in der Versorgung ankommen. Denn ein Drittel aller Psychopharmaka werden in Deutschland heute von Hausärzten verschrieben. Deshalb braucht es eine kontinuierliche, unabhängige und transparente wissenschaftliche Information über Psychopharmaka.
„Wir müssen die Vorbehalte unserer Patienten gegenüber Psychopharmaka ernst nehmen und diese nur nach strenger Indikationsstellung in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen verordnen. Dazu benötigen wir aber auch die entsprechenden Behandlungssettings mit genügend Zeit und Raum für eine ganzheitliche Therapie“
"Wir Ärzte müssen unsere Patienten sorgfältig und transparent über den Nutzen eines Wirkstoffs, aber auch über dessen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen aufklären“
Hm, da bleibt mir nur zu sagen: Zeit wird es endlich mal! Aber wenn man das jetzt ausruft: Psychopharmaka nur nach strenger Indikationsstellung und in wirksamen, aber möglichst niedrigen Dosen verordnen - was hat man dann vorher gemacht?

Andererseits wird gesagt:
Doch die Medikamente haben zu Unrecht einen schlechten Ruf: „Die wissenschaftlichen Leitlinien empfehlen eine Behandlung mit Medikamenten insbesondere bei schweren psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie oder bipolaren Störungen. Bestimmte Krankheitsbilder werden durch Psychopharmaka erst behandelbar, indem sie eine Basis für eine psychotherapeutische Behandlung und weitere Behandlungen wie Soziotherapie schaffen. Viele Betroffene profitieren von der Pharmakotherapie und können wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben.
Ich weiß nicht, wie weit bei der DGPPN bekannt ist, dass die individuelle negative Reaktion auf die Medikamente, die Langzeiteinnahme oder das Absetzen gemäß der Leitlinien nach einer "erfolgreichen Therapie" dazu führen kann, dass Betroffene aufgrund von Absetzsyndromen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.



In den Hintergrundinformationen (http://www.dgppn.de/fileadmin/user_uplo ... papier.pdf) leider eine etwas undifferenzierte Angabe zu Abhängigkeit. Zumindest die Begriffe körperliche Gewöhnung oder körperliches Abhängigkeitspotential könnten endlich mal fallen. Da nutzt auch der Hinweis nichts, dass es unterschiedlich diskutiert wird, wenn man danach nicht mehr darauf eingeht.
Machen Psychopharmaka abhängig?
Inwiefern bestimmte Psychopharmaka abhängig machen, wird von Wissenschaftlern unterschiedlich diskutiert. Es herrscht jedoch Einigkeit, dass Antidepressiva, Antipsychotika, Stimmungsstabilisierer und Antidementiva nicht abhängig machen, während Benzodiazepine und bestimmte Schlafmittel bereits nach einigen Wochen zu Gewöhnung und nach mehrmonatiger Einnahme auch zu Abhängigkeit führen können. Dennoch kann manchmal eine Dauertherapie mit einem solchen Medikament sinnvoll sein.
Interessant sind Formulierungen, die deutlich machen: Nichts genaues weiß man nicht.
Die Wirkung der Antidepressiva beruht primär wahrscheinlich darauf, dass sie in den Stoffwechsel der körpereigenen Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin (Botenstoffe, welche die Signalübertragung zwischen Nervenzellen vermitteln) im Gehirn eingreife, der bei vielen psychischen Störungen gestört zu sein scheint.
Hier sollte man genau lesen:
Allerdings entfalten Antidepressiva viele andere molekulare Wirkungen, die in ihrer Bedeutung bisher nur unzureichend verstanden sind.
Diese bisher unzureichend verstandenen Wirkungen könnte Erklärungen liefern für die massiven Absetzsyndrome einzelner.

Ganz lesenswert ist das Statement von Prof. Dr. Gerd Glaeske: „Psychopharmaka im Fokus: Herausforderung für die Versorgung“
http://www.dgppn.de/fileadmin/user_uplo ... laeske.pdf
Interessant ist allerdings die Verteilung der angewendeten Antidepressiva: Die auffällige Steigerung begann mit der Vermarktung der Serotoninwiederaufnahmehemmer, den sogenannten SSRI, deren bekanntestes Präparat Mitte der 1980er Jahre Prozac war, in Deutschland als Fluctin vermarktet. Schon zu Beginn der Vermarktung wurde erhebliche öffentliche „Propaganda“ für diese Mittel von Firmen und Experten betrieben, vor allem der amerikanische Psychiater Peter Kramer hat sich besonders zugunsten der Anwendung von Prozac engagiert, aus seiner Sicht ein wirksames Mittel, um in Zukunft psychotherapeutische Verfahren überflüssig zu machen. (..) Das Motto insgesamt: Dont‘ worry, be happy. Viele der Diskussionen in dieser Zeit erinnerten an die Vermarktung von Valium Anfang der 1970er Jahre, das als rosarote Brille für die Psyche beworben wurde.
Schon damals wurden allerdings die raschen Steigerungsraten der SSRI, die im Vergleich zu den trizyklischen Antidepressiva als besser verträglich galten, kritisch kommentiert, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass neue Anwendungsgebiete wie z. B. Essstörungen oder Zwangssyndrome
zu diesem Markterfolg beitrugen. Die Mittel wurden vor allem in den USA auch für Kinder verordnet, als Auswirkungen waren Verhaltensstörungen nicht selten, die dann ihrerseits wieder als Grund für eine weitere Behandlung mit Psychopharmaka angesehen wurden.
Ohnehin ist in der Zwischenzeit eine gewisse Rationalität in der Bewertung der Antidepressiva eingekehrt. So weisen z. B. die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und die DGPPN darauf hin, dass Antidepressiva bei mild ausgeprägten Depressionen nicht mehr als Mittel der Wahl gelten. Die Responserate von Antidepressiva gegenüber Placebo liegt bei leichten Depressionen bei rund 20 %, eine ausreichende Wirksamkeit kann daher nicht erwartet werden. Selbst bei mittelschweren Depressionen bestehen offenbar begründete Zweifel am Nutzen von Antidepressiva, so dass sie in Kombination mit psychotherapeutischen Verfahren der Behandlung schwerer Depressionen vorbehalten sein sollten.
Ein Großteil der Antidepressiva wird übrigens ohne die Begründung einer einschlägigen Depressionsdiagnose verordnet, andererseits werden Depressionen sehr viel häufiger diagnostiziert als behandelt.
Schließlich ist unklar, ob Antidepressiva dazu beigetragen haben, die Suizidrate bei Menschen mit Depressionen zu senken. Patientengruppen weisen darauf hin, dass etwa ein Drittel der knapp über 10.000 Selbsttötungen in einem direkten Zusammenhang mit einer Depression stehen und dass Antidepressiva helfen könnten, diese Zahl zu verringern. Qualifizierte Studien haben diese Auswirkungen jedoch nicht bestätigen können.

Re: Pressemeldung DGPPN - Psychopharmaka

Verfasst: 21.09.2015 12:53
von Murmeline
Hier wird die Meldung der DGPPN etwas kritisch aufgenommen:
http://www.gesundheitsstadt-berlin.de/a ... tion-7233/

Antidepressiva nur nach strenger Indikation von Beatrice Hamberger
Die Zahl der verordneten Antidepressiva ist in den letzten zwei Jahrzehnten um das Siebenfache gestiegen. Selbst Psychiater sehen das kritisch und fordern mehr unabhängige Information über Psychopharmaka.
Antidepressiva gehören nicht in die Hausapotheke. Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen sprechen jedoch eine andere Sprache. Demnach wurden im Jahr 2013 ganze 1,4 Milliarden Tagesdosen verordnet, was einer Versorgung von etwa 3,7 Millionen Menschen entspricht. Im Vergleich zum Jahr 1991 ist das ein Anstieg um das Siebenfache.
Deshalb sollten Psychopharmaka nur unter strenger ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden“, so Hauth.
Ob dies allerdings immer der Fall ist, darf bezweifelt werden. Ein Drittel aller Psychopharmaka wird heute von Hausärzten verschrieben. Zudem wird ein Großteil der Antidepressiva ohne jede Depressionsdiagnose verordnet, wie Gerd Glaeske vom Bremer Zentrum für Sozialpolitik auf der DGPPN-Tagung berichtete. Selbst bei mittelschweren Depressionen bestünden offenbar begründete Zweifel am Nutzen von Antidepressiva, meinte Glaeske, so dass sie in Kombination mit psychotherapeutischen Verfahren der Behandlung schwerer Depressionen vorbehalten sein sollten.
Mehr Aufklärung scheint daher vor allem bei Ärzten geboten. Die DGGN drückt es etwas subtiler aus: Das Wissen um Wirkungsweisen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Interaktionen von Psychopharmaka wachse rasant, hieß es. Dieses Wissen müsse noch viel breiter in der Versorgung ankommen.