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Marion Brown: Sicht einer Psychotherapeutin und Angehörigen auf Psychopharmaka

Verfasst: 03.01.2017 13:57
von Murmeline
Der Bericht steht im Original auf der englischen Website GP View (Ansichten von Hausärzten)
Original: An Outsider’s Observation, Marion Brown, 29.12.2016 Quelle

Marion Brown ist die erste von unseren Experten aus dem Bereich mentale Gesundheit, welche ihrer Geschichte diese Woche teilt. Marion ist keine Hausärztin (sie ist Psychotherapeutin und Arbeitsplatzvermittlerin) - jedoch war sie 35 Jahre mit einem Hausarzt verheiratet. Ihr Ehemann nahm sich leider das Leben als Folge von langjährigen Erfahrungen mit Stress - und womöglich aufgrund von nicht tolerierbaren Komplikationen durch Medikamente - medizinisch unerklärlichen Symptomen (MUS).

Medizinisch unerklärliche Symptome in der Allgemeinmedizin

Als selbständige Psychotherapeutin werde ich immer stärker dafür sensibilisiert, Menschen zu sehen, zu treffen und kennenzulernen, deren Leben ernsthaft durch Medikamente geschädigt wurde, die bei gewöhnlichen menschlichen Stressreaktionen verschrieben werden.

Ich hatte keine Ahnung von diesen Problemen, die ich finden würde, als ich anfing, sie offenzulegen. Jetzt - nach vier Jahren umfangreicher Forschung und Exploration, einschließlich der Zusammenarbeit mit dem BMA (British Medical Association)-Wissenschaftsrat zur Unterstützung der Anerkennung von authentischen Patientenerfahrungen (1) - fühle ich mich gezwungen, darüber zu schreiben, was ich sehe und lerne:

Menschen werden ermutigt, ihren Hausarzt nach Hilfe bei allen Arten von Symptomen zu fragen - Symptome, von denen viele aus Bedingungen von Stress und Not in unserem Leben auftreten können und die wahrscheinlich zeitlich limitiert sind, bei geeignete Unterstützung und vielleicht auch durch eine Änderung der Umstände. Jedoch wollen viele Menschen eine schnelle Lösung - und erwarten, dass sie ihren Hausarzt mit einem Rezept verlassen. Dies könnten Tabletten sein zur Behandlung von "Schlafproblemen", "Angst", "Depression", "Herzklopfen", "Panikattacken", "Verdauungsstörungen", "Reizdarmsyndrom" und so weiter.

Die meisten Menschen wissen ein wenig über den Zusammenhang zwischen Körper und Geist - und wie wir krank werden können durch längeren (oder traumatischen) Stress, verursacht durch psychische und physische Bedingungen. In der Tat kann dies dazu beitragen, dass Menschen schnell Hilfe suchen. Das, was sie normalerweise nicht realisieren, ist, dass die Medikamente, die für diese allgemeinen menschlichen Alarmsymptome verschrieben werden, direkt auf das zentrale Nervensystem (ZNS) wirken.

Sie beeinflussen unspezifisch das Funktionieren der grundlegendsten und wesentlichen autonomen (sympathischen und parasympathischen) Nervensysteme, die alle lebenswichtigen Funktionen des Körpers (Verdauungs-, Herz-Kreislauf-, Atmungs-, endokrines System, Schlaf-, Fortpflanzungs-, Immun- und andere Systeme) beeinflussen sowie Stimmungen, Gefühle und komplexe menschliche Denkprozesse.

Sobald die Menschen anfangen, Medikamente zu nehmen - vor allem Antidepressiva, welche die Patienten "mindestens sechs Monate" oder länger nehmen sollen - müssen ihre grundlegenden Funktionen mit neuen zusätzlichen systemischen Belastungen fertig werden. Viele Menschen entwickeln neue Symptome, da die Medikamente mit den komplexen Prozessen der physiologischen Homöostase interferieren. Wenn Patienten versuchen, die Medikamente abzusetzen, können sie in weitere immense Schwierigkeiten der systemischen Reorgansisation mit schwerwiegenden funktionalen und psychischen Symptomen geraten (2). Diese werden in der Regel heruntergespielt oder sind in den Verschreibungsrichtlinien nicht anerkannt.

Die Hausärzte, die ihre beruflichen Richtlinien (3,4 & 5) einhalten müssen, werden frustriert, wenn die Patienten mit verschiedenen "funktionellen", "somatischen" oder "medizinisch unerklärlichen Symptomen" (MUS) wiederkommen, für die Tests durchgeführt werden, bis festgestellt wird, dass es "keine physische Ursache" gibt, so dass der Hausarzt dann wieder nach professionellen Richtlinien versucht, den Patienten "zu beruhigen", dass es "keine Krankheit" sei und dass kognitive Verhaltenstherapie und Bewegung und vielleicht "Akzeptanz" und " Re-Attribution 'Therapien erforderlich seien.

Inzwischen fühlt sich der Patient sehr unwohl mit verschiedenen körperlichen Dysfunktionen (und ängstlich, aufgeregt und manchmal wütend) und die Arzt-Patient-Beziehung leidet, weil beide Parteien verzweifeln... NHS (national health service) Ressourcen werden weit über Grenzen hinaus ausgeschöpft, Patienten werden immer kränker, erleiden Einschränkungen und Schädigungen und die Hausärzte werden zusätzlich gestresst und ebenfalls krank.

Die jüngste Veröffentlichung durch die BMA (1) hat das Bewusstsein geschärft, dass Patienten schwerwiegende Probleme mit diesen häufig verschriebenen und weit verbreitete Medikamente erleben. Es scheint mir klar, dass die steigenden Probleme der Patienten mit medizinisch unerklärlichen Symptomen zu den erheblichen Kosten für den NHS beitragen, und die medizinisch unerklärlichen Symptomen können tatsächlich teilweise durch den unaufhaltsamen Anstieg der Verschreibung von vor allem Antidepressiva erklärt werden, welche menschliche Funktionsabläufe beeinflussen und zu verwirrenden und schwächende "Funktionsstörungen" führen können und das auch tun (2). Abgesehen von sehr flüchtigen Referenzen thematisieren die aktuellen Hausarzt-Richtlinien diese Medikamente nicht als mögliche Ursachen für medizinisch unerklärliche Symptome. Es scheint, dass Hausärzte und Patienten tatsächlich irregeführt werden - zum Nachteil aller Betroffenen.

Ich weiß, dass meine Sicht dazu eine unkonventionelle Ansicht sein kann, aber ich fühle eine starke ethische Verpflichtung, das, was ich gelernt habe und meine Beobachtungen zu teilen - als Denkanstoß, die Handhabung der "medizinisch unerklärlichen Symptome" in der Allgemeinmedizin neu zu ordnen.


Quellen und Leseverweise

(1) BMA (2015) – Prescribed Drugs Associated with Dependence and Withdrawal – Building a Consensus for Action
http://bmaopac.hosted.exlibrisgroup.com ... VG6EV7.pdf and subsequent news announcement update October 2016 https://www.bma.org.uk/collective-voice ... withdrawal

(2) Carvahlo A.F. et al. (2016) The Safety, Tolerability and risks associated with the Use of Newer Generation Antidepressant Drugs. Psychotherapy and Psychosomatics – Vol.85, No.5, 2016
http://www.karger.com/Article/FullText/447034

(3) Royal College of Psychiatrists (2011)
Guidance for Health Professionals on Medically Unexplained Symptoms (MUS)
http://www.rcpsych.ac.uk/pdf/CHECKED%20 ... _4pp_6.pdf

(4) Burton, Chris (Ed) 2013. ABC of Medically Unexplained Symptoms Wiley-Blackwell/BMJ Books

(5) Patient.info NHS approved information for doctors and patients
http://patient.info/doctor/medically-un ... management
http://patient.info/doctor/somatic-symptom-disorder

Re: Sicht einer Psychotherapeutin und Angehörigen auf Psychopharmaka

Verfasst: 03.01.2017 14:30
von Fibie77
Hallo liebe Murmeline, :)
vielen Dank für die Übersetzung dieses tollen Artikels. :wink:
Liebe Grüße Fibie

Re: Marion Brown: Sicht einer Psychotherapeutin und Angehörigen auf Psychopharmaka

Verfasst: 25.01.2017 15:15
von Murmeline
Ein aktuelles Statement von Marion:
Selbst Patienten, die erklären, dass Antidepressiva für sie hilfreich waren, können sie oft nicht absetzen aufgrund der Entzugssymptome. Die Anweisungen der Hausärzte bei einem Absetzwunsch des Patienten sind häufig gefährlich - öfter als man denkt wirft dies Menschen in einen völligen nervlichen und körperlichen Systemzusammenbruch.

Diese Medikamente wurden niemals über Langzeit getestet, es gibt keine Forschung zu sicheren Absetzstrategien und viele Menschen nehmen sie seit 20 bis 30 Jahren ein. Es ist offensichtlich, dass es schwerwiegende Langzeitschäden am Nervensystem gibt, denn diese Medikamente sind toxisch und die Toxizität baut sich im ganzen Körper mit der Zeit auf. Es scheint eine direkte Verbindung zwischen den steigenden Verschreibungen und den Kosten für Langzeiteinschränkungen zu geben
Original:
Responde to
Sixty seconds on . . . antidepressants
BMJ 2017; 356 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.j249 (Published 16 January 2017) Cite this as: BMJ 2017;356:j249
http://www.bmj.com/content/356/bmj.j249/rr-0