Meine Absetzgeschichte
Verfasst: 05.02.2016 12:21
Hallo liebes Forum,
nun möchte ich mich doch endlich mal ein wenig vorstellen, weil ich bereits einige Beiträge in anderen Threads gebracht habe, aber selbst noch gar keinen eröffnet.
Seit fast einem Jahr lese ich jetzt schon hier bei Euch mit und Ihr habt mir – ohne es konkret zu wissen – so viel mit Euren eigenen Erfahrungen und auch mit den wissenschaftlichen Informationen geholfen.
Ich selbst habe wegen meiner psychischen Erkrankung (emotional instabile Persönlichkeitsstörung, rezidiv. mittelgradige Depression, bipolare affektive Störung) 14 Jahr lang (!) Psychopharmaka genommen, außer ganz am Anfang immer mehrere gleichzeitig, immer wieder gab es Wechsel, vor allem während Klinikaufenthalten wurde schnell und radikal umgestellt. Die letzte Medikation, die über viele Jahre gleich geblieben ist, war: 120 mg Duloxetin, 600 mg Quietapin, 200 mg Lamotrigin und bei Bedarf Opipramol. Anfang letzten Jahres hatte ich wohl die erste halbwegs stabile Phase meines Lebens, und in der Zeit ist mein Entschluss gereift, dass ich die Medikamente absetzen möchte. Das habe ich dann auch gemacht, schneller als von Euch empfohlen, aber viel viel langsamer als von ärztlicher Seite, und auch nicht eins nach dem anderen, sondern meinem eigenen Bauchgefühl folgend im Wechsel. Sprich, ich hab versucht, das Mischungsverhältnis konstant zu halten.
Es war dann sicher noch zu schnell, und ich hatte für mich recht heftige Entzugssymptome. Wenn ich allerdings hier manche Berichte lese, hatte ich Pillepalle. Aber mir hat es trotzdem gereicht.
Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die Brainzaps, teilweise im Sekundentakt, vor allem wenn ich im Bett lag. Schweißausbrüche und Schüttelfrost, Schlaflosigkeit, extremer Harndrang + Inkontinenz, Gliederschmerzen, eine völlige Blutzuckerentgleisung (bin Diabetikerin Typ II), depressive Gedanken, Hoffnungslosigkeit, Suizidalität, extreme Gereiztheit und null Frustrationstoleranz. Und noch einiges mehr. Aber auch hier ist das wohl eine Strategie des Körpers / Gehirns, solche Dinge wieder zu vergessen. Ich muss mich jetzt echt bewusst nachdenken, wie das eigentlich war.
Was nicht geholfen hat:
Ich habe immer mal wieder versucht, Symptome mit Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Präparaten abzufangen. So ziemlich alles, was hier von einigen empfohlen wurde, habe ich probiert. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es bei mir wirklich wirkt, aber manchmal den Verdacht, dass eine Symptomverschlechterung im Zusammenhang mit der Einnahme von NEM stand. Da ich darüber aber nicht Buch geführt habe, und auch nicht konsequent immer nur eins für eine bestimmte Zeit ausprobiert habe, kann ich darüber nicht sicher sein. Ich habe dann aber alles weg gelassen und mir ging es zumindest nicht schlechter. Also wozu das Geld ausgeben. Sogar das so harmlose Baldrian hat mir eine derbe Magen-Darm-Geschichte beschert (steht aber auch in der Packungsbeilage), und schlafen konnte ich damit trotzdem nicht.
Was geholfen hat:
Wenn ich im Bett lag und nicht schlafen konnte, half es mir manchmal, Musik zu hören oder eine Entspannungs-CD. Oder so Übungen zu machen wie Body-Screening und Atemübungen. Auch beten hat mir geholfen. Allerdings war ich meist für alles viel zu kaputt.
Zwei mal habe ich notfallmäßig Lorazepam eingenommen, konnte nicht einmal mit 5 mg schlafen. Aber ein wenig das Gedankenkarussel anhalten konnte es.
Und natürlich hier im Forum zu lesen, auch weil ich dadurch manches klarer als Entzugssymptom einordnen konnte.
Erfahrung mit Ärztin und Psychologin:
Das Absetzen selbst habe ich alleine durchgeführt. Erst hinterher habe ich es mit meiner Psychiaterin besprochen. Die kannte mich davor allerdings auch erst seit einem Termin. Sie war begeistert, was ich so nicht erwartet hatte. Und was mich erschreckt hat: ich bin die einzige in ihrer bisherigen Laufbahn, die jemals wieder ohne Medikamte ist. Sie war dann so an mir interessiert, dass sie meine komplette Akte nachgelesen hat, das ist echt eine Leistung, denn die ist nach all den Jahren extrem dick. Trotz ihrer positiven Reaktion habe ich dann schon gemerkt, dass es problematisch werden kann, wenn ich zu viel von Entzugssymptomen erzähle. Weil da kam dann schon die Frage, ob ich nicht wieder ein Neuroleptikum nehmen möchte. Ich habe es dann trotzdem geschafft, für den Notfall Lorazepam zu bekommen, weil ich zwischendurch den Eindruck hatte, ich muss mal die Spirale unterbrechen. Ansonsten stelle ich leider fest, dass es anscheinend völlig unüblich ist, einen Psychiater aufzusuchen, wenn man keine Medikamente nimmt.
Die Psychologin von der Psychiatrischen Institutsambulanz, die mich seit 12 Jahren kennt und die ich sehr schätze, hat mich in der Hinsicht enttäuscht. Ich hatte noch nichtmal ausgeredet, als ich zum ersten (und letzten) Mal was von Entzugssymptomen erzählte, da meinte sie schon „Dann ist die Grunderkrankung wieder ausgebrochen.“ Da hatte ich dann, obwohl es mir wirklich schlecht ging, die Kraft und die Distanz zu sagen, die Ärztin befürwortet das und ich möchte das Thema auch nicht mit einer Psychologin diskutieren. Und dass ich das nicht glaube, denn die ganzen körperlichen Symptome, die ich habe, sind ja nun nicht die „Grunderkrankung“, dann würde ich die nämlich schon kennen.
Was geblieben ist:
Geblieben sind bis jetzt vor allem die Schlafprobleme. Die waren sogar Monate nach 0 nochmal schlimmer geworden. Also mit mehreren Tagen 0 Stunden Schlaf, immer mal wieder Tage mit 1 Stunde. 2 Stunden war schon richtig gut, aber auch nie am Stück. Maximal am Stück 45 Minuten. Das hat mich wirklich gequält. Vor allem wenn es mehrere Tage hintereinander ganz ohne Schlaf waren. Da fühlte ich mich nur noch wie ein Zombie. Der Körper kann sich ja trotzdem erholen, wenn man ruhig im warmen Bett liegt. Aber beim Gehirn habe ich wirklich gemerkt, dass es einen Riesenunterschied macht, wenn ich wenigstens mal so ein paar Minuten weggedöst war. Das hat schon geholfen. Aber kam in der Zeit meist nicht vor.
In letzter Zeit sind es meist so 2 – 3 Stunden Schlaf. Auch jetzt wo ich seit einer Woche eine schlimme Erkältung habe, wo man ja normal viel schläft. Aber ich nehme es gelassen, mittlerweile komme ich auch besser mit dem wenigen Schlaf zurecht. Ich muss dazu sagen, dass ich mit Medikamenten immer 10 – 12 Stunden durchgeschlafen habe, und oft auch noch zusätzlich tagsüber geschlafen habe. Da musste es auch nicht ruhig sein. Nur beim Einschlafen. Dann habe ich weiter geschlafen, auch wenn draußen der Presslufthammer ging. Jetzt geht es nur noch mit Ohrstöpseln, wenn überhaupt. Und vor den Medikamenten habe ich auch eher viel geschlafen, von Kind an. Also ich meine, ich bin ein Mensch, der normalerweise eher mehr Schlaf braucht, und es auch nie geschafft hat, auch nicht in der Jugend, mal eine Nacht einfach so durchzumachen.
Naja, das ist jetzt eben anders. Und wie gesagt, es fühlt sich im Moment so an, als könne mein Körper bzw. mein Gehirn besser damit umgehen, als noch vor einem Monat.
Was sich verändert hat, seit ich keine Psychopharmaka mehr nehme:
Ich bin viel aktiver geworden, habe so etwas wie einen Neuanfang mit 52 Jahren gemacht. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen würden, dass ich mich mit den Medikamenten wie betäubt oder so fühlte. Und vieles fällt mir jetzt auch schwerer, weil die Emotionen ja noch extremer sind jetzt, und zusätzlich noch die Folgen z.B. von den Schlafproblemen. Und noch dass blöderweise das was ich beschlossen habe, z.B. betreutes Wohnen (in der eigenen Wohnung), Wiederaufnahme von Kontakten (Bruder, Freundin), Arbeitstherapie, Aufräumen der verwahrlosten Wohnung – alles nicht so läuft, wie es laufen könnte. Überall werden mir zusätzliche Hürden in den Weg geworfen, obwohl der ja so schon schwer genug wäre. Also beispielsweise war die Antragsphase extrem schwierig, dann wurde er trotz eindeutiger Sachlage vom Sozialamt abgelehnt. Also wieder Kampf, langen Brief an die zuständige Frau geschrieben. Genehmigt. Dafür wurde dann die mir bekannte Betreuerin abgezogen, die seit Monaten fest stand und auf die ich mich eingestellt hatte. Mit der Neuen dann war es ein so schwieriger Anfang – unfassbar. Oder ich besuche nach Jahren meinen Bruder und Familie. Und hab dann nach 2 komplett schlaflosen Nächten auch noch an meinem eigenen Geburtstag an Weihnachten so Durchfall und Übelkeit, möchte ja aber nicht alles verderben. Oder dass ich dann nachts alleine meinen ersten Asthmaanfall bekommen habe, ausgelöst durch das Aufräumen in der Wohnung, was aber natürlich das weitere Aufräumen sehr erschwert. Und wiederum auch das Schlafen beeinflusst, weil wenn im Liegen jeder Atemzug schmerzt, brennt oder Hustenreiz verursacht, wird das auch nicht gerade leichter.
Dennoch – und da bin ich nun wirklich mal stolz auf mich – gebe ich nicht auf, mache weiter, erkämpfe es mir halt. Ich finde es zwar etwas unfair, dass sich bei mir wenn ich gehe die Straße nicht unter die Füße schiebt, sondern dass ich sie mit den Zähnen festhalten muss, damit sie mir nich weggerissen wird, aber ich schaffe es trotzdem.
Vielleicht hat das gar nichts mit den Medikamenten an sich bzw. ihrer pharmakologischen Wirkung zu tun, sondern mit meiner Entscheidung, es ohne zu schaffen und der Umsetzung dieser Entscheidung. Ich glaube, das hat bei mir Kräfte mobilisiert, die ich vorher nicht hatte.
Vielen Dank fürs Lesen! Euch allen weiterhin viel Kraft und Geduld und immer mehr und mehr gute Tage.
Alles Liebe
Binka
nun möchte ich mich doch endlich mal ein wenig vorstellen, weil ich bereits einige Beiträge in anderen Threads gebracht habe, aber selbst noch gar keinen eröffnet.
Seit fast einem Jahr lese ich jetzt schon hier bei Euch mit und Ihr habt mir – ohne es konkret zu wissen – so viel mit Euren eigenen Erfahrungen und auch mit den wissenschaftlichen Informationen geholfen.
Ich selbst habe wegen meiner psychischen Erkrankung (emotional instabile Persönlichkeitsstörung, rezidiv. mittelgradige Depression, bipolare affektive Störung) 14 Jahr lang (!) Psychopharmaka genommen, außer ganz am Anfang immer mehrere gleichzeitig, immer wieder gab es Wechsel, vor allem während Klinikaufenthalten wurde schnell und radikal umgestellt. Die letzte Medikation, die über viele Jahre gleich geblieben ist, war: 120 mg Duloxetin, 600 mg Quietapin, 200 mg Lamotrigin und bei Bedarf Opipramol. Anfang letzten Jahres hatte ich wohl die erste halbwegs stabile Phase meines Lebens, und in der Zeit ist mein Entschluss gereift, dass ich die Medikamente absetzen möchte. Das habe ich dann auch gemacht, schneller als von Euch empfohlen, aber viel viel langsamer als von ärztlicher Seite, und auch nicht eins nach dem anderen, sondern meinem eigenen Bauchgefühl folgend im Wechsel. Sprich, ich hab versucht, das Mischungsverhältnis konstant zu halten.
Es war dann sicher noch zu schnell, und ich hatte für mich recht heftige Entzugssymptome. Wenn ich allerdings hier manche Berichte lese, hatte ich Pillepalle. Aber mir hat es trotzdem gereicht.
Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die Brainzaps, teilweise im Sekundentakt, vor allem wenn ich im Bett lag. Schweißausbrüche und Schüttelfrost, Schlaflosigkeit, extremer Harndrang + Inkontinenz, Gliederschmerzen, eine völlige Blutzuckerentgleisung (bin Diabetikerin Typ II), depressive Gedanken, Hoffnungslosigkeit, Suizidalität, extreme Gereiztheit und null Frustrationstoleranz. Und noch einiges mehr. Aber auch hier ist das wohl eine Strategie des Körpers / Gehirns, solche Dinge wieder zu vergessen. Ich muss mich jetzt echt bewusst nachdenken, wie das eigentlich war.
Was nicht geholfen hat:
Ich habe immer mal wieder versucht, Symptome mit Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Präparaten abzufangen. So ziemlich alles, was hier von einigen empfohlen wurde, habe ich probiert. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es bei mir wirklich wirkt, aber manchmal den Verdacht, dass eine Symptomverschlechterung im Zusammenhang mit der Einnahme von NEM stand. Da ich darüber aber nicht Buch geführt habe, und auch nicht konsequent immer nur eins für eine bestimmte Zeit ausprobiert habe, kann ich darüber nicht sicher sein. Ich habe dann aber alles weg gelassen und mir ging es zumindest nicht schlechter. Also wozu das Geld ausgeben. Sogar das so harmlose Baldrian hat mir eine derbe Magen-Darm-Geschichte beschert (steht aber auch in der Packungsbeilage), und schlafen konnte ich damit trotzdem nicht.
Was geholfen hat:
Wenn ich im Bett lag und nicht schlafen konnte, half es mir manchmal, Musik zu hören oder eine Entspannungs-CD. Oder so Übungen zu machen wie Body-Screening und Atemübungen. Auch beten hat mir geholfen. Allerdings war ich meist für alles viel zu kaputt.
Zwei mal habe ich notfallmäßig Lorazepam eingenommen, konnte nicht einmal mit 5 mg schlafen. Aber ein wenig das Gedankenkarussel anhalten konnte es.
Und natürlich hier im Forum zu lesen, auch weil ich dadurch manches klarer als Entzugssymptom einordnen konnte.
Erfahrung mit Ärztin und Psychologin:
Das Absetzen selbst habe ich alleine durchgeführt. Erst hinterher habe ich es mit meiner Psychiaterin besprochen. Die kannte mich davor allerdings auch erst seit einem Termin. Sie war begeistert, was ich so nicht erwartet hatte. Und was mich erschreckt hat: ich bin die einzige in ihrer bisherigen Laufbahn, die jemals wieder ohne Medikamte ist. Sie war dann so an mir interessiert, dass sie meine komplette Akte nachgelesen hat, das ist echt eine Leistung, denn die ist nach all den Jahren extrem dick. Trotz ihrer positiven Reaktion habe ich dann schon gemerkt, dass es problematisch werden kann, wenn ich zu viel von Entzugssymptomen erzähle. Weil da kam dann schon die Frage, ob ich nicht wieder ein Neuroleptikum nehmen möchte. Ich habe es dann trotzdem geschafft, für den Notfall Lorazepam zu bekommen, weil ich zwischendurch den Eindruck hatte, ich muss mal die Spirale unterbrechen. Ansonsten stelle ich leider fest, dass es anscheinend völlig unüblich ist, einen Psychiater aufzusuchen, wenn man keine Medikamente nimmt.
Die Psychologin von der Psychiatrischen Institutsambulanz, die mich seit 12 Jahren kennt und die ich sehr schätze, hat mich in der Hinsicht enttäuscht. Ich hatte noch nichtmal ausgeredet, als ich zum ersten (und letzten) Mal was von Entzugssymptomen erzählte, da meinte sie schon „Dann ist die Grunderkrankung wieder ausgebrochen.“ Da hatte ich dann, obwohl es mir wirklich schlecht ging, die Kraft und die Distanz zu sagen, die Ärztin befürwortet das und ich möchte das Thema auch nicht mit einer Psychologin diskutieren. Und dass ich das nicht glaube, denn die ganzen körperlichen Symptome, die ich habe, sind ja nun nicht die „Grunderkrankung“, dann würde ich die nämlich schon kennen.
Was geblieben ist:
Geblieben sind bis jetzt vor allem die Schlafprobleme. Die waren sogar Monate nach 0 nochmal schlimmer geworden. Also mit mehreren Tagen 0 Stunden Schlaf, immer mal wieder Tage mit 1 Stunde. 2 Stunden war schon richtig gut, aber auch nie am Stück. Maximal am Stück 45 Minuten. Das hat mich wirklich gequält. Vor allem wenn es mehrere Tage hintereinander ganz ohne Schlaf waren. Da fühlte ich mich nur noch wie ein Zombie. Der Körper kann sich ja trotzdem erholen, wenn man ruhig im warmen Bett liegt. Aber beim Gehirn habe ich wirklich gemerkt, dass es einen Riesenunterschied macht, wenn ich wenigstens mal so ein paar Minuten weggedöst war. Das hat schon geholfen. Aber kam in der Zeit meist nicht vor.
In letzter Zeit sind es meist so 2 – 3 Stunden Schlaf. Auch jetzt wo ich seit einer Woche eine schlimme Erkältung habe, wo man ja normal viel schläft. Aber ich nehme es gelassen, mittlerweile komme ich auch besser mit dem wenigen Schlaf zurecht. Ich muss dazu sagen, dass ich mit Medikamenten immer 10 – 12 Stunden durchgeschlafen habe, und oft auch noch zusätzlich tagsüber geschlafen habe. Da musste es auch nicht ruhig sein. Nur beim Einschlafen. Dann habe ich weiter geschlafen, auch wenn draußen der Presslufthammer ging. Jetzt geht es nur noch mit Ohrstöpseln, wenn überhaupt. Und vor den Medikamenten habe ich auch eher viel geschlafen, von Kind an. Also ich meine, ich bin ein Mensch, der normalerweise eher mehr Schlaf braucht, und es auch nie geschafft hat, auch nicht in der Jugend, mal eine Nacht einfach so durchzumachen.
Naja, das ist jetzt eben anders. Und wie gesagt, es fühlt sich im Moment so an, als könne mein Körper bzw. mein Gehirn besser damit umgehen, als noch vor einem Monat.
Was sich verändert hat, seit ich keine Psychopharmaka mehr nehme:
Ich bin viel aktiver geworden, habe so etwas wie einen Neuanfang mit 52 Jahren gemacht. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen würden, dass ich mich mit den Medikamenten wie betäubt oder so fühlte. Und vieles fällt mir jetzt auch schwerer, weil die Emotionen ja noch extremer sind jetzt, und zusätzlich noch die Folgen z.B. von den Schlafproblemen. Und noch dass blöderweise das was ich beschlossen habe, z.B. betreutes Wohnen (in der eigenen Wohnung), Wiederaufnahme von Kontakten (Bruder, Freundin), Arbeitstherapie, Aufräumen der verwahrlosten Wohnung – alles nicht so läuft, wie es laufen könnte. Überall werden mir zusätzliche Hürden in den Weg geworfen, obwohl der ja so schon schwer genug wäre. Also beispielsweise war die Antragsphase extrem schwierig, dann wurde er trotz eindeutiger Sachlage vom Sozialamt abgelehnt. Also wieder Kampf, langen Brief an die zuständige Frau geschrieben. Genehmigt. Dafür wurde dann die mir bekannte Betreuerin abgezogen, die seit Monaten fest stand und auf die ich mich eingestellt hatte. Mit der Neuen dann war es ein so schwieriger Anfang – unfassbar. Oder ich besuche nach Jahren meinen Bruder und Familie. Und hab dann nach 2 komplett schlaflosen Nächten auch noch an meinem eigenen Geburtstag an Weihnachten so Durchfall und Übelkeit, möchte ja aber nicht alles verderben. Oder dass ich dann nachts alleine meinen ersten Asthmaanfall bekommen habe, ausgelöst durch das Aufräumen in der Wohnung, was aber natürlich das weitere Aufräumen sehr erschwert. Und wiederum auch das Schlafen beeinflusst, weil wenn im Liegen jeder Atemzug schmerzt, brennt oder Hustenreiz verursacht, wird das auch nicht gerade leichter.
Dennoch – und da bin ich nun wirklich mal stolz auf mich – gebe ich nicht auf, mache weiter, erkämpfe es mir halt. Ich finde es zwar etwas unfair, dass sich bei mir wenn ich gehe die Straße nicht unter die Füße schiebt, sondern dass ich sie mit den Zähnen festhalten muss, damit sie mir nich weggerissen wird, aber ich schaffe es trotzdem.
Vielleicht hat das gar nichts mit den Medikamenten an sich bzw. ihrer pharmakologischen Wirkung zu tun, sondern mit meiner Entscheidung, es ohne zu schaffen und der Umsetzung dieser Entscheidung. Ich glaube, das hat bei mir Kräfte mobilisiert, die ich vorher nicht hatte.
Vielen Dank fürs Lesen! Euch allen weiterhin viel Kraft und Geduld und immer mehr und mehr gute Tage.
Alles Liebe
Binka