Liebes ADFD,
noch vor Beginn des neuen Jahres habe ich es endlich geschafft: die 5 mg Cipralex sind erfolgreich abgesetzt. Ich bin dem Forum sehr dankbar, da ich hauptsächlich dadurch mein „normales“ Leben wieder habe:
Liebe Moderatoren, liebe aktive Mitglieder, herzlichen Dank für die empathische, sachlich fundierte und individuell angepasste Unterstützung unter teilweise schweren Bedingungen, das täglich erfolgreiche Bestreben, diese Diskussions- und Informationsplattform immer auf Augenhöhe zu halten und den regen Austausch. Bitte nicht nachlassen ..!
Lieber Oliver, vielen Dank für das Erschaffen einer Forensoftware, die sehr benutzerfreundlich ist,
die es möglich macht, eine Vielzahl unterschiedlichster informativer Bedürfnisse zu bedienen und den kultivierten Umgang der Mitglieder untereinander funktionell unterstützt.
Liebe Linda, herzlichen Dank, dass Du Dich damals nach dieser schweren Zeit dennoch hingesetzt hast und erstmals eine deutschsprachige Infoseite im Netz erstellt hast.
Dieses Forum war für mich aktive Lebenshilfe! Es hat mir den nötigen Schub, die Kraft und die Infos gegeben, mein komplett eigenes Ding entgegen aller ärztlicher Ratschläge durchzuziehen, als ich hier las, wie „normal“ diese Absetzprobleme sind und als ich gleichzeitig merkte, wie wenig mein Psychiater sich damit beschäftigen wollte und wie wenig mir seine alternativen „Ratschläge“ halfen. Ich stand wirklich kurz davor, mich von diesem Psychiater, den Ärzten und auch von Teilen meiner Familie überreden zu lassen, dass ich psychisch gestört sei und dringend weitere Psychopharmaka brauche. Ich bin dankbar für den Umgang hier auf Augenhöhe, etwas sehr Wichtiges, das ich bei Gesprächen mit fast allen Ärzten grundsätzlich vermisst habe.
Es war bereits das 2. Mal in den letzten 4 Jahren, dass Ärzte die von mir geschilderten Symptome als „rein psychisch“ abgetan haben und deswegen keinerlei Notwendigkeit für eine differentielle Diagnostik sahen. Zuerst bei der Hashimoto Thyreoiditis und nun beim Absetzsyndrom. Und es ist auch das 2. Mal, dass ich nur deshalb endlich wieder gesund bin, weil ich mich mit der (Nicht-) Diagnose der Ärzte nicht zufrieden gegebenen habe, sondern selbst weiter gesucht habe. Es ist aber kein wirklich zufriedenstellendes Gefühl, dass ich auch ohne Medizinstudium nur aufgrund meiner Körperwahrnehmung und Internetrecherche dennoch Recht behalten habe. Es hat leider nicht nur unnötig viel Lebenszeit gekostet. Einem neuen Arzt werde ich in Zukunft nur noch dann vertrauen, wenn ich das Gefühl habe, dass wir auf Augenhöhe diskutieren, er meine Symptome ernst nimmt und differentialdiagnostisch mitdenkt.
Ich kenne nun die Hintergründe und Zusammenhänge meiner bisherigen körperlichen Signale, kann sie dadurch viel besser einordnen und entsprechend reagieren, was mich enorm angstfrei macht. Sie erklären zudem endlich alle meine wellenartigen psychischen Symptome der letzten 6- 8 Jahre. Es hat mich sehr überrascht, wie stark ich durch eine Hormoninbalance (fern-) gesteuert werden kann und wie wenig ich manchmal dagegen ausrichten kann. Selbst als ich endlich wusste, dass die Ursache für meine depressive Phase gerade nur darin liegt, dass bestimmte Hormone in diesem Moment einfach nicht „an Ort und Stelle“ lagen, konnte ich das Weinen nicht stoppen. Aber ich werde zukünftig nicht mehr darin versinken, es auch nicht mehr als „psychische Störung“ einordnen, sondern es als körperliches Signal betrachten. Ich denke, dass man keine Erfahrung umsonst macht und auch wenn die letzten vier Jahre sehr hart waren, dann weiß ich alleine dadurch wenigstens, was in den Wechseljahren ev. auf mich zukommen könnte und worauf ich dann achten muss bzw. wen ich unbedingt vermeiden muss.
In Bezug auf die Psychopharmaka-Geschichte mit 5 mg Cipralex bin ich wohl eher noch mit einem hellblauen Auge davongekommen. Dennoch fühle ich mich von Ärzten stigmatisiert, weil ich dieses Pp genommen habe. Es hat sich oft so angefühlt, als ob ich mein Recht auf freie Meinungsäußerung mit der Einnahme dieses Pp abgegeben hätte. Wenn ich anderer Meinung war, war dies in den Augen der Ärzte schon Grund genug, mir eine psychische Störung zu unterstellen. Ich kenne nun das ohnmächtige Gefühl, wenn dann auch enge Angehörige einer ärztlichen Diagnose glauben, selbst wenn diese auf offensichtlich falschen Parametern beruht. Allein dass eine Person mit einem formellen Titel etwas behauptet, setzen viele Menschen automatisch mit inhaltlicher Richtigkeit gleich. Ich kann es aber auch nachvollziehen, denn aufgrund dieses Vertrauens bin ich auch erst in diese Lage gekommen. Ich danke meinem Mann, dass er trotzdem zu mir gehalten hat.
Viele ähnliche Berichte von Forumsmitgliedern haben mich sehr betroffen gemacht. Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich mich für eine Patientenverfügung entschieden. Ich überlege noch, ob ich diese Cipralex-Geschichte der Ärztekammer vorlegen soll. Meine Patientenakte habe ich bereits.
Wenn ich in ferner Zukunft einmal meinen Ruhestand gesund erreichen darf, dann würde ich gerne eine Senioren-WG gründen. Sollte dann das Thema „Psychopharmaka und Absetzsyndrom“ von den Ärzten immer noch so stark ignoriert werden und sollte dieses Forum bis dahin immer noch notwendig sein, dann werde ich daran denken, in dieser Senioren-WG auch einen betreuten Rückzugsplatz für Menschen zu schaffen, die durch Psychopharmaka und ignorante Ärzte traumatisiert sind, keine familiäre Unterstützung haben und eigentlich nur eine komplette Entlastung, Ruhe, Zeit und Empathie benötigen.
Manchmal erwische ich mich noch beim unbewussten, gewohnten morgendlichen Griff nach der Dosierungsspritze. Doch dann spüre ich sofort ein typisches Abgesetzt-Symptom: Es beginnt mit einem erleichterten Lächeln und steigert sich bis zu einem zufriedenen Grinsen. Auch tagsüber tritt es immer noch in Wellen auf. Ich möchte es so lange wie möglich behalten. Es macht die noch anstehenden, restlichen Schritte zurück in mein „altes“ Leben einfacher.
Einen kleineren Psychopharmakateil meiner Geschichte werde ich in den Forumsbereich „Gesundheit“ unter “Hashimoto und Cipralex absetzen“ setzen. Ich möchte dem Forum treu bleiben. Der pragmatische Humor von Jamie, Thomas und Kaulquappe und vielen anderen hat mich oft zum Lachen gebracht. Ich möchte dabei sein, wenn z.B. Padma und Petra es geschafft haben, wenn es Siggi und Inge2 besser geht usw.. Und v.a. dann, wenn ich das Gefühl habe, dass bei einem User die Schilddrüse die Ursache für die Probleme sein könnten, dann melde ich mich erst recht.
Als ich mich hier angemeldet habe und nach einem Benutzernamen gesucht habe, war ich einerseits voller Zweifel und Ängste, dass ich wirklich gestört bin, andererseits war ich auch voller Trotz und der persönlichen Gewissheit, dass ich ganz normal bin. Die Gewissheit hat gesiegt und ich brauche diesen Benutzernamen nicht mehr. Ich darf mich unter einem anderen, etwas seriöserem Namen neu anmelden (danke Oliver!), denn ich brauche jetzt einfach dringend eine neue Frisur, in virtueller Hinsicht ....
Euch allen Kraft, Geduld, einen festen Glauben an Euch selbst und so bald wie möglich gesunde Abgesetzt-Symptome!
Leni
