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Entzugserscheinungen bei 16-Jähriger durch Cipralex

Verfasst: 24.05.2004 22:51
von SandraF
Hallo,

ich schreibe für meine Tochter. Sie ist 16 Jahre alt, hat keine "richtigen" Depressionen, sondern eine Zwangserkrankung. Sie hat seit dem Herbst 2003 Cipralex genommen, 10 mg. Diese Tabletten wurden ihr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Göttingen verordnet, dort war sie im letzten Jahr für ca. 3 Monate, die Therapie dort war erfolglos. Weiterhin sollte sie zu den Cipralex das Mittel Risperdal (Neuroleptikum) einnehmen, davon hat sie aber ganz extreme Angstzustände bekommen, wir haben es abgesetzt, und ihr ging es danach deutlich besser, obwohl die Ärzte uns nicht glauben wollten. Während der Einnahme der Cipralex waren die Zwänge minimal "milder" aber nicht weg, und sie fühlte sich ingesamt etwas entspannter.
Meine Tochter macht auch eine Verhaltenstherapie, die aber bis jetzt noch nicht den Erfolg bringt.
Normalerweise sollen Jugendliche, lt. Beipackzettel, bis zum 18. Lebensjahr keine SSRI nehmen, da man die Wirkungsweise bei Kinder u. Jugendlichen noch nicht gut genug untersucht hat und da Kinder und Jugendliche evtl. auch Selbstmordgedanken bekommen können.
Weiterhin habe ich im Internet gelesen, dass bei Jugendlichen u. Kindern durch SSRI die Wachstumshormone im Körper verändert werden.
Wir haben beschlossen, Cipralex auszuschleichen. Von 10 mg auf 7,5 mg, diese Dosis hat sie 4 Wochen genommen , sie hatte mit Schwindel, Stromschlaggefühlen im Körper und Ohrgeräuschen zu kämpfen, jetzt ist sie seit 1,5 Wochen auf 5 mg. Heute hat sie in einem Kaufhaus Verfolgungsgedanken gehabt, solch eine Erscheinung hatte sie noch nie. Das hat meine Tochter sehr verunsichert und sie hatte Angst. Ich gehe immer noch von Entzugserscheinungen aus,
da sie vor der Tabletteneinnahme zwar die Zwänge hatte, aber niemals solche merkwürdigen Empfindungen. Wie lange kann das anhalten? Wer hat ähnlich Erfahrungen gemacht?
Viele Grüße
S.F.

Verfasst: 25.05.2004 13:14
von Uschi
Hallo Sandra,
herzlich willkommen hier im Forum. Es ist immer wieder erschreckend wie leichtfertig diese Medikamente Jugendlichen verschrieben wird. Ich persönlich kenne mich mit Cipralex nicht aus. Aber es könnte sein, dass Ihr zu schnell reduziert, wenn Deine Tochter so mit Absetzsymptomen reagiert. Es wäre vielleicht besser wenn ihr in 1mg Schritten vorgeht. Und erst wieder weiter reduziert, wenn die Absetzsymptome abgeklungen sind. Habt Ihr Euch schon das InfoPaket angesehen, da steht auch drin, wie man am besten vorgeht. Deine Tochter könnte auch noch Fischölkapseln dazunehmen, die die Absetzsymptome mildern sollen. Ist sicher einen Versuch wert. Wie lange die Absetzsymptome anhalten und wie heftig sie sind, kann Dir wahrscheinlich niemand beantworten. Das ist bei jedem anders.
Dass Du Dich über die Mittel die Deine Tochter bekommt informiert hast finde ich gut. Es ist sicher nicht gut, wenn man die Zwangserkrankung Deiner Tochter mit Neuroleptika und SSRIS behandelt. Dadurch werden die Symptome Ihrer Krankheit doch nur überdeckt. Und dann hat sie auch noch die Nebenwirkungen der Medikamente. Und am Ende dann auch noch zusätzliche Symptome, wenn die Mittel abgesetzt werden.Eine Therapie ist da doch sicher besser. Dauert halt immer auch länger.
Sicherlich wird Dir auch noch jemand antworten der Erfahrungen mit Cipralex hat.

Wünsche Dir und Deiner Tochter viel Erfolg
liebe Grüße Uschi


Medikamente
seit 2 Jahren 40mg Paroxetin
seit 17.02 30mg Paroxetin und100mg Opipramol(Insidon)
seit 01.03 25mg Paroxetin und 100mg Opipramol(Insidon
seit 06.03 22,5mg Paroxetin und 100mg Opipramol(Insidon
seit 11.03. 20mg Paroxetin und 100mg Opipramol(Insidon)
seit 22.03. 15mg Paroxetin und 100mg Opipramol(Insidon)
seit 28.03. 12,5mg Paroxetin und 100mg Opipramol(Insidon)
seit 31.03. 10 mg Paroxetin und 100mg Opipramo (Insidon)
seit 06.04. 7,5 mg Paroxetin und 100 mg Opipramol ( Insidon)
täglich Fischölkapseln, ab und zu nehme ich Vitamin C, Zink, Magnesium
seit 13.04. kein Paroxetin mehr
seit 16.04 wieder 10mg Paroxetin
Absetzversuch fehlgeschlagen!
seit 24.04 Opipramol abgesetzt, keine Probleme dabei
seit 09.05. 20mg Paroxetin

Verfasst: 26.05.2004 09:07
von CloneX
Klingt sehr nach Absetzerscheinungen. Du kannst dir ja auch etwas die Hauptseite www.adfd.org angucken...da gibt es auch noch mehr Informationen.

Du kannst deiner Tochter jedenfalls Mut machen, dass diese Erscheinungen auch wieder vorbeigehen - wann genau kann man nicht vorhersagen. Am besten geht ihr sehr langsam vor beim Reduzieren.

Verfasst: 26.05.2004 10:23
von SandraF
Hallo,

vielen Dank für eure Antworten.

Ich denke auch, dass diese Probleme durch das Absetzen der Cipralex ausgelöst werden. Die letzten 5 mg werden wir wohl noch viel langsamer
reduzieren müssen. Gestern hat meine Tochter abends plötzlich "merkwürdige Bilder" (und zwar u.a. mich und ich war blutverschmiert!?) Sie hatte Angst und musste weinen. Ich sage ihr dann, das sie Geduld haben muss, aber in dem Moment glaubt sie mir nicht und sie will sofort wieder "normal" sein.

Diese Erscheinungen haben gar nichts mit einer Zwangserkrankung zu tun. Sie hat vor der Tabletteneinnahme nie solche Bilder gesehen oder Verfolgungsgedanken gehabt.

Im Internet habe ich noch diesen Erfahrungsbericht, zum Thema "Entugserscheinungen" gefunden:

http://www.adfd.org/user_resources/7593 ... 0Linda.htm


Sie hat auch schon 1 Woche lang täglich Fischöl-Kapseln eingenommen. Leider bekommt sie davon Probleme mit dem Darm.

Wann könnte sie anfangen Johanniskraut einzunehmen?

Viele Grüße
Sandra

Verfasst: 26.05.2004 12:37
von Linda
Liebe Sandra,

dieses Forum und die Webseite wurden ins Leben gerufen, weil meine Tochter Jessica und ich das Gleiche erleben mussten wie Du und Deine Tochter.

Ich bin der festen Meinung, dass diese Medikamente für manche Menschen äußerst gefährlich sein können. Leider wird dies von den Ärzten immer noch geleugnet.

Es ist sehr schwer, wenn man von der ärztlichen Seite keine Unterstützung bekommt und manchmal auch belächelt oder sogar angegriffen wird. Es ist für Deine Tochter wichtig, dass Du ihre Symptome ernstnimmst und ihr bestätigst, dass es nicht an ihr liegt, sondern an den Medikamenten. Es gibt auf der ganzen Welt abertausende von Menschen, die so etwas erleben mussten. Sie darf nicht an sich selbst zweifeln, es ist ja alles sowieso schlimm genug. Es muß wirklich furchtbar sein, in einem solchen Alter sowas erleben zu müssen. Jessica fand das mit den Bildern am Allerschlimmsten. Ich habe gelesen, dass solche Halluzinationen öfters vorkommen, da die SSRI eine ähnliche Wirkung wie LSD haben können.

Meine Tochter Jessica hatte die Symptome, die Du beschreibst, in heftigster Form. Wir waren völlig verzweifelt. Wie wir jetzt wissen, hatte sie viel zu schnell abgesetzt. Das war vor 15 Monaten. Es geht ihr inzwischen wieder sehr gut. Sie hat zwar immer wieder Phasen, in den diese alte Gefühle (Panik, Verdauungsbeschwerden, "Bilder" usw.) aufflackern, aber diese gehen auch vorbei. Momentan geht es ihr wieder nicht so gut, aber aus Erfahrung wissen wir, dass es eben nur eine Phase ist. Ich habe in den englischsprachigen Foren oft gesehen, dass es bis zu 2 Jahren dauern kann, bis man sich ganz von den Nachwirkungen dieser Medikamente erholt. Eine Freundin in England hat mir selbst erzählt, dass sie sich erst nach 18 Monaten wieder "normal" fühlte.

Lasst Euch nicht von den Ärzten nicht verunsichern. Vertraue Deinem Gefühl. Es war für uns sehr wichtig, dass wir in den englischen Foren Unterstützung bekommen haben. Dafür sind wir ja auch hier. Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist.

Es gibt leider kein Patentrezept dagegen. Geduld ist das Allerwichtigste. Und das Allerschwerste. Ich weiß, wie schwer das ist. Achte darauf, dass sie Überreizung durch das Fernsehen usw. meidet. Sie soll viel schlafen, viel trinken, allgemeine Schonung ist angesagt. Ich würde bei den 5 mg bleiben, bis sie über mehrere Wochen hinweg ganz stabil ist. Dann den nächsten Schritt anpeilen. Nach dem Absetzen machte Jessica sehr positive Erfahrungen mit Akupunktur und Homöopathie - das könnt Ihr Euch auch überlegen.

Ihr habt mein größtes Mitgefühl. Ich weiß, wie schwer eine solche Erfahrung ist. In England sind diese Medikamente jetzt für die Behandlung Minderjähriger verboten. Ich denke, mit der Zeit muß man hierzulande auch zugeben, dass diese Medikamente nicht so harmlos sind, wie man es gerne hätte.

Das mit dem Johanniskraut würde ich lassen. Der Körper sollte die Möglichkeit haben, sein eigenes Gleichgewicht wiederzufinden.

Ich drücke Euch beiden den Daumen und wünsche Euch alles Gute.

Linda

Verfasst: 26.05.2004 16:03
von SandraF
Hallo Linda,

danke für deine Antwort. Ich habe erst jetzt gemerkt, dass der Erfahrungsbericht, den ich vor 2 Wochen im Internet "gefunden" habe, dein Bericht ist. Da habe ich regelrecht geträumt....

Deine Tochter ist ja wirklich durch die Hölle gegangen, eine ganz schlimme Geschichte. Die Zwangserkrankung meiner Tochter war bisher auch ein Höllentrip. Das Vertrauen zu den Ärzten und eigentlich auch zu den Therapeuten haben wir nach 7 Jahren verloren. Sie macht seit Ende März ein Anti-Zwangstraining, das wir privat bezahlen, weil die Kasse die Kosten nicht übernimmt. Ich hoffe, dass sie durch dieses Training endlich Hilfe findet und dass die Absetzerscheinungen nicht zu lange andauern und nicht noch heftiger werden. Besonders schlecht geht es ihr immer abends, war das bei deiner Tochter auch so?

Herzliche Grüße
Sandra

Verfasst: 11.06.2004 11:36
von SandraF
Hallo,

gestern hat meine Tochter wieder 10 mg Cipralex eingenommen, da es ihr ziemlich schlecht ging. Sie war tagelang depressiv, deutlich aggressiver als sonst und fühlte sich insgesamt nicht belastbar (f. Schule usw.), sie konnte und wollte einfach nicht mehr... Leider ist es bei einer Zwangserkrankung so, dass die SSRI hoch dosiert werden müssen, damit überhaupt eine Wirkung eintritt. Das großes Probelm ist auch, wenn die Zwänge verstärkt auftreten, und das war bei 5 mg Cipralex jetzt der Fall, dann verselbstständigen sich die Gedanken und Handlungen nach einiger Zeit und der Erkrankte wird sie später nicht wieder los (sie musste sich z. B. manchmal mit der Hand gegen den Kopf klopfen, das hat sie vorher noch nie gemacht).

Auffällig war, das sie sich schon nach einer 10 mg-Tablette viel besser fühlte (sie musste sich seltener gegen den Kopf klopfen), also gehe ich davon aus, dass es hauptsächlich Absetzprobleme waren.

Wenn die Therapie, die sie gerade macht, anschlägt und sie die Zwänge besser im Griff hat, dann werden wir noch einmal versuchen, die Dosis ganz langsam zu reduzieren.

Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Aber die SSRI sind mir irgendwie "unheimlich" geworden.

Liebe Grüße
Sandra

Verfasst: 13.06.2004 00:07
von Linda
Liebe Sandra,

es tut mir so leid, dass Deine Tochter diese zusätzlichen Schwierigkeiten auch noch ertragen muß. Es muß für Euch beide ganz schrecklich sein ? ich verstehe, wie Du auch mitleidest. Deine Tochter scheint so wie die Jessica ganz empfindlich auf diese Medikamente zu regieren. Da sage ich mir aus dem Bauch heraus ? schaue, dass sie davon wegkommt ? sie tun ihr ganz offensichtlich nicht gut. Es wird nicht unbedingt einfach sein, das Medikament abzusetzen, man muß ganz vorsichtig vorgehen ? ich finde es aber wichtig, dass sie es tut. Die neuen Zwänge kommen von dem Medikament - oder?!? Es weiterhin einzunehmen, nur um den Absetzsymptomen zu begegnen, ist eigentlich nicht der Sinn einer medikamentösen Therapie. Wer hat Dir übrigens erzählt, dass die Dosis bei Zwangserkrankungen höher sein muß und auf welchen Studien basiert diese Aussage? Ich war jetzt ziemlich lange im Internet und habe nach einer Zulassung für Cipralex für Zwangsstörungen gesucht und finde keine. Soweit ich das sehen kann, ist Escitalopram nur für die Behandlung von Depressionen zugelassen.

Linda

Verfasst: 13.06.2004 16:40
von SandraF
Liebe Linda,

vielen Dank für deine Antwort. :D

Ja, ich habe auch schon gesucht und nichts gefunden. Problematisch ist, dass meine Tochter alle anderen SSRI, die für Zwänge und Jugendliche zugelassen sind, nicht verträgt. Immer bekommt sie starke Hautausschläge (dicke Blasen, Juckreiz) und muss die Medikamtente absetzen. Cipralex verträgt sie einigermaßen, obwohl der Allergiewert (IGe-Wert) im Blut trotzdem erhöht ist. Durch die Cipralex fühlt sie sich entspannter und kommt mit ihren Zwängen etwas besser zurecht, obwohl die Zwänge immer vorhanden sind.

Zwangserkrankte müssen ungefähr die doppelte Dosis der Medikamente nehmen, damit sie überhaupt wirken. Das habe ich schon oft in der Fachliteratur und im Internet gelesen, und das haben mir auch alle Ärzte und die Betroffenen im Zwangsforum der Deutschen Gesellschaft f. Zwangerkrankungen (www.zwaenge.de) bestätigt. Eine Zwangserkrankung ist sehr schwer zu behandeln, das ist wirklich grausam. Es gibt leider kaum Therapeuten, die sich gut mit Zwangserkrankungen auskennen.

Meine Tochter macht eine Therapie bei einem Antizwangs-Trainer, der die Therapie genau auf ihre Zwänge zugeschnitten hat. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für diese Therapie nicht. Sobald sich eine Besserung einstellt (das kann noch 1 Jahr dauern), sie macht die Therapie erst seit März, werden wir die SSRI wieder herunterdosieren. Wahrscheinlich kam die Verschlechterung durch das Herabsetzen der Dosis, aber es war nicht mehr auszuhalten. Die Angst, dass sich die stärkeren Zwänge verselbstständigen ist sehr groß.
Nach einer 10mg-Tablette Cipralex ging es ihr schon etwas besser, für mich ein Zeichen, dass es nicht unbedingt "nur" die ursprüngliche Zwangserkankung war, sondern auch eine Absetzerscheinung der Cipralex.

Wir müssen noch viel Geduld haben,manchmal hat man keine Kraft mehr, aber das darf einfach nicht sein.

Herzliche Grüße :D
Tatjana