[Da es folgende kritische Betrachtung zu Johanniskraut nicht mehr zu geben scheint, lege ich hier den Inhalt bei. Die ursprüngliche Quelle war:
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Online-Lexikon Paramedizin
Zum Begriff: Johanniskraut
Das Johanniskraut entstammt der Familie der Hypericaceae (syn. Guttferae) und wird als Hypericum perforatum bezeichnet. Es handelt sich um eine etwa 60 cm hoch werdende, krautige Pflanze mit 5-zähligen, gelben Blüten mit auffallenden, zahlreichen, langen Staubblättern und gegenständigen, durchscheinend drüsig punktierten Blättern (s. Abb.1).
Ein charakteristisches Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Hypericum-Arten ist der mit 2 Längsleisten versehene Stengel. Auffallend am Johanneskraut sind besonders die gelben und gelbbraunen, u.U. noch in traubig zusammengesetzten Trugdolden stehenden Blüten, deren Kronblätter auf die Fläche zahlreiche dunkle Punkte oder Striche aufweisen (Wichtl 1997). Die Pflanze wächst bevorzugt auf trocken Wiesen und Hängen. Die Blüte erfolgt von Ende Juni bis September, wobei der Tag Johannes des Täufers (24. Juni) als Beginn der Blütezeit namensgebend ist (Bergmann 1999).
Für das Johanniskraut gibt es eine ganze Reihe von Bezeichnungen: Blutkraut, Johannisblut, Hartheu, Herb de millerpertuis (frz.), Herrgottsblut, Hexenkraut, Konradskraut, Mannskraft, St. Johns Wort (engl.), Sonnwendkraut, Teufelsfluchtkraut, Tüpfelhartheu oder Waldhopfenkraut.
An pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoffen sind im Johanniskraut vorhanden (Wichtl 1997, Bergmann 1999):
- 6-15% Gerbstoffe, vorwiegend vom Catechin-Typ.
- 2-4% Phloroglucinderivate: Hyperforin, Adhyperforin und Hydroperoxycadiforin
- 0,1-0,3% Naphthodiantrhone: Hypericin, Pseudohypericin, Iso-, Proto-, Protopseudo- und Cyclopseudohypericin 0,1-0,3% ätherische Öle, n-Alkane und Monoterpene
- 2-4% Flavinoide: Hyperosid, Isoquercitrin, Kämpferol, Luteolin, Myricetin, Quercetin, Quercitrin und Rutin.
- kleine Mengen Biflavonoide: z.B. I3,II8-Biapigenin und dessen Isomer Amentoflavon
- kleine Mengen Xanthonen: 1,3,6,7,-Tetrahydroxyxanthon
- kleine Mengen oligomere Procyanidine mit ähnlicher Struktur, wie sie auch beim Weißdorn vorhanden sind
- gamma-Aminobuttersäure
In der Volksmedizin wurde Johanniskraut aufgrund seines Gerbstoffgehaltes als Mittel gegen Durchfall (Antidiarrhoikum) verwendet. Wegen seines Gehalts an Flavonoiden kann es als harntreibend gelten. In Kombination mit Oliven- oder Sonnenblumenöl oer am besten mit Weizenkeimöl können seine öligen Auszüge zur Unterstützung der Wundheilung oder bei der Pflege von leichten Verbrennungen (1. Grades) verwendet werden. Die entzündungshemmende Wirkung von Johanniskraut wurde experimentell bestätigt (Wichtl 1997).
Neuerdings findet Johanniskraut als Mittel gegen Depressionen (Antidepressivum) in der Bevölkerung Verwendung. In den letzten Jahren war deshalb die Pflanze und deren Inhaltsstoffe Gegenstand tierexperimenteller und klinischer Untersuchungen. Der Rohextrakt des Johanniskrauts zeigte in Tiermodellen Wirkungen, die auf antidepressive Eigenschaften schließen lassen konnten. So konnte eine Senkung der Spontanaktivität und eine verringerte Immobilitätsdauer im Forced-Swimming-Test ermittelt werden. Die antidepressive Wirkung scheint dabei auf die korrekte Mischung der Inhaltsstoffe Hypericin, Pseudohypericin und Proantocyanidin (Procyanidin B2) zurückzuführen zu sein, jedoch liegen hierzu abschließende Tierversuchsstudien noch nicht vor. Vorliegende Rezeptorbindungsstudien zeigen nach Bergmann (1999) für den Rohextrakt des Johanniskrauts eine hohe Affinität zu Rezeptoren verschiedener Neurotransmitter (Serotonin, GABA, MAO-A/B, Benzodiazepine), was jedoch die Wirksamkeit des Pflanzenextraktes nicht ausreichend erklärt. Zwar enthalten Johanniskrautpräparate mehrere psychotrop wirksame Substanzen, aber es ist bisher noch nicht gelungen, die antidepressive Wirkung einem bestimmten Inhaltsstoff oder Gemisch aus Inhaltsstoffen zuzuordnen. Bisherige Studien an Patienten zeichnen sich leider nicht durch ein besonders überzeugendes Design aus. Ihre Aussagekraft ist deshalb eingeschränkt, da Patientenzahlen oftmals zu klein, die Patientengruppen sehr heterogen aufgebaut und die Diagnose der Patienten zum Einschluß in die Studien nicht nach standardisierten Verfahren (ICD-9 oder -10) vorgenommen wurde. Es mangelt auch an Daten zur Langzeitgabe, Rückfallrate und -prophylaxe, Langzeittoxizität, Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, Kontraindikationen und der Anwendung bei bestimmten Bevölkerungsgruppen wie Kindern, Schwangern oder Stillenden (Bergmann 1999). Die Kommission E veröffentlichte bisher keine Gegenanzeigen und ihr sind bisher keine Wechselwirkungen bekannt (Wichtl 1997). Wie man weiter unten sieht, läßt sich jedoch diese Ansicht der Kommission E nicht länger aufrecht erhalten.
Bisherige klinische Studien zeigen, daß Johanniskraut in der Behandlung von Depressionen hinsichtlich der Effektivität nicht nur Placebo gegenüber signifikant überlegen ist, sondern daß es üblichen Standardmedikationen gleichwertig sein kann (Bergmann 1999). Als Indikationen gelten derzeit leichtere Formen neurotischer, endogener oder lavierter Depressionen (z.B. nervöse Erschöpfung, Klimakteriumsbeschwerden, etc.) (Wichtl 1997).
Johanniskrautpräparate gehören mittlerweile in Deutschland zu den meistverkauften Arzneimitteln überhaupt. Sie werden häufiger verkauft als chemisch definierte Antidepressiva und wird beispielsweise in den USA vergleichsweise wenig verwendet. (Bergmann 1999). In zahlreichen Monopräparaten werden Johanniskrautextrakte eingesetzt (Wichtl 1997), die in der Regel auf einen bestimmten Hypericingehalt eingestellt sind. Die Dosierung der Präparate schwankt dabei erheblich (0,05 - 0,9 mg Hypericin pro Dosis). Neuerdings wird oft nur noch dere Trockenextrakt alleine deklariert z.B.
- Hyperforat-Dragees ® (40 mg Tr.E., 0,05 mg Hypericin)
- Hypericum Stada ® N Kapseln (115 mg Tr.E., 0,3 mg Hypericin)
- Helarium ® Hypericum Dragees (270 mg Tr.E., 0,9 mg Hypericin)
- Jarsin ® 300 Dragees (300 mg Tr.E., 0,9 mg Hypericin)
- Remotiv ® Dragees (250 mg Tr.E., 0,5 mg Hypericin)
- Vita Johanniskrautdragée ® (240 mg Gesamthypericin pro Dragée)
Als Teezubereitung ist es üblich, 2-4 g zerschnittene Droge mit kochendem Wasser zu übergießen und nach 5-10minütigem ziehen den Sud abzuseihen. Ein Teelöffel Droge entspricht dabei etwa 1,8 g.
Als mittlere Tagesdosis für die innere Anwendung wird von der Kommission E eine Menge von 0,2-1,0 mg Gesamthypericin (= 2-4 g Droge) empfohlen. Als Nebenwirkung kann aufgrund der photosensibilisierenden Wirkung des Hypericins vermehrt Hautrötung und Sonnenbrand auftreten, weshalb den Patienten vom Besuch von Solarien und der Benutzung von Höhensonnen abgeraten wird (Wichtl 1997). Nach Angaben Bergmanns (1999) stellt aber die Photosensibilisierung während der Therapie in der Regel kein Problem dar. Diese Meinung wird von einer Studie aus der Dermatologischen Klinik der Universität Frankfurt/Main gestärkt (Bernd et al. 1999), die menschliche Hautzellen (Keratinozyten) mit Hypericindosen behandelten, die jenen Mengen entsprechen, die für gewöhnlich in der Behandlung leichter Depressionen verwendet werden. Sie waren der Ansicht, daß die resultierenden Blutspiegel nicht für eine Photosensibilisierung ausreichen würden.
Johanniskraut kein "Wundermittel" gegen Krebs
Die medizinische Fachliteratur weißt in den letzten Jahren eine Reihe Untersuchungen auf, die Hypericin bei bestimmten Krebsformen auf seine Wirksamkeit untersuchten.
Im Zellkulturversuch (bestätigende Überprüfungen aus Tier- und Humanversuchen stehen noch aus!) konnte durch die Gabe von Hypericin die Empfindlichkeit von menschlichen Glioblastom-Krebszellkulturen gegenüber Röntgenbestrahlung deutlich erhöhen. Überlebten ohne Hypericingabe 50,2% der Tumorzellen eine Bestrahlung von 6 Gy, waren es bei zusätzlicher Hypericingabe nur noch 26% (Zhang et al. 1996).
Ermutigende Resultate bei einigen wenigen Patienten mit malignem Mesothelium konnten in der Sonderabteilung für Strahlentherapie der Universität Wien erzielt werden (Koren et al. 1996). Hier wurde durch eine kombinierte Therapie aus Laserlicht (632-nm-Argonlaser) und der oralen Einnahme (Hematoporphyrin-Derivate) mit zusätzlichem Auftragen von Hypericinsalbe auf die tumorbefallene Hautstelle eine Zerstörung von Tumorzellen registriert. Von einer Heilung war jedoch nicht zu sprechen.
Wird jedoch Hypericin bei Patienten mit den Hautkrebsarten Basalzellkarzinom bzw. squamösen Zellkarzinom in einer Menge von 40-100 Mikrogramm direkt in die Läsion gespritzt, kann es eine direkte Zerstörung von Teilen des Tumorgewebes bewirken (Alecu et al. 1998).
Diese und andere Studien weisen darauf hin, daß bei ausgewählten Tumoren eine Hypericin-Therapie sinnvoll sein kann, um das Tumorwachstum oder die Tumormetastasierung zu bremsen. Eines dürfte jedoch sicher sein: der geringe Hypericin- und Pseudohypericingehalt der handelsüblichen Präparate ist keinesfalls ausreichend, um die dafür notwendigen Wirkspiegel zu erzeugen. Deshalb stellen die gängigen Präparate keinesfalls neue "Wundermittel" gegen Krebs dar.
Johanniskraut - endlich ein Mittel ohne Reue?
Die fehlende akute Toxizität des Johanniskrauts ergibt sich für die Behandlung depressiver Verstimmungen ein ermutigendes Bild. Es wäre denkbar, daß das Johanniskraut auch bei schwereren Formen der Depression in der Zukunft Anwendung finden könnte. Aber "every cloud has a silver lining": Johanniskraut führt - wie andere Arzneimittel auch - in Einzelfällen (0,4-0,6% der Patienten) zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, allergische Reaktionen und Magen-Darm-Beschwerden (Arznei-Telegramm 8/1996).
Kritisch muß deshalb aus der Sicht des Patienten darauf geachtet werden, daß durch den völlig freien Verkauf von Johanniskraut- oder Johannisölkapseln über Supermarktketten wie ALDI seit Jahren ein "Massenexperiment" sowohl bezüglich der Gesamtbevölkerung als auch bei bestimmten Patientengruppen abläuft, welches sich faktisch jeglicher Kontrolle entzieht. Bemerkenswert ist bei der seit Jahren laufenden Vermarktung nämlich, daß in den Beipackzetteln (Stand November 1998) des im Discounter ALDI vermarkteten Johanniskrautpräparates "St. Benedikt - Vita Johanniskrautdragée" (FB Vertrieb GmbH, Pf. 1660, 21306 Lüneburg) nur auf die Nebenwirkung der Photosensibilisierung abgestellt wird und abgeraten wird, das Mittel bei Kindern im Alter unter 12 Jahren anzuwenden.
Johanniskraut bei HIV-Infizierten wirkungslos
Phytopharmaka werden von HIV-Infizierten und AIDS-Patienten häufig benutzt. Die Anwendungshäufigkeit solcher Mittel liegt bei bis zu 40% (Kassler et al. 1991). Gründe für die starke Nutzung von Johanniskraut unter HIV- und AIDS-Patienten dürften u.a. auch voreilige Publikationen aus Ärztkreisen gegen Ende der 80er Jahre aus der Pathologischen Abteilung des Kaplan Cancer Center in New York gewesen sein (Meruelo et al. 1988, Lavie et al. 1989). In beiden Veröffentlichungen wurde Hypericin und Pseudohypericin als Substanz mit dramatisch hoher antiviraler Potenz bei geringer toxischer Nebenwirkungsrate bezeichnet und insbesondere für die Behandlung von AIDS-Patienten empfohlen.
Klärend wirkte aber eine aktuelle Studie, die im New Yorker University Medical Center an 30 HIV-Infizierten mit bereits schlechtem Immunstatus (CD4-Spiegel weniger als 350 cells/mm3) durchgeführt wurde. Sie zeigte, daß eine i.v.-Gabe von Hypericin in einer Dosis von 0,25-0,5 mg/kg Körpergewicht 2-3mal wöchentlich mehr Nachteile als Vorteile brachte. 53% der Patienten brachen aufgrund toxischer Nebenwirkungen die Studie ab, bei 11 von insgesamt 23 auswertbaren Patienten (47,8%) trat eine schwere Photosensibilisierung der Haut auf. Eine signifikante Veränderung antivirologischer Parameter (HIV p24 Antigenspiegel, HIV-Titer, Anzahl der HIV RNA Virenkopien im Serum oder CD4-Zellzahl) ergab sich nicht (Gulick et al. 1999).
Mittlerweile zeigte sich in einer Studie, die von Piscitelli et al. (2000) veröffentlicht wurde, daß Johanniskrautpräparate die Effektivität des HIV-1 Protease Inhibitors Indinavir um 57 +/- 19% zu senken vermag. Dieser drastische Wirkungsabfall des Anti-HIV-Medikamentes wurde bei 13 von 16 gesunden Probanden festgestellt, die beide Mittel einnahmen.
Juristisches Tauziehen bei der Vermarktung
Da mit Johanniskraut-Präparaten eine Menge Geld verdient werden kann, sind Hersteller aufgrund des harten Wettbewerbs durchaus bereit, dem Präparat Eigenschaften anzudichten, die es nicht besitzen kann. Beispielsweise wurde einem Hersteller von Johanniskrautpräparaten vom OLG Schleswig-Holstein (2.7.1996, Az. 6 U 20/96) rechtskräftig untersagt, mit der Behauptung zu werben, daß sein Mittel in der Lage sei, die Produktion des körpereigenen "Schlafhormons Melatonin" anzuregen (Pharma Recht 1996).
Daß heftig außerhalb der medizinischen Fachkreise für Johanniskrautpräparate geworben wird, obgleich nach § 10 Abs. 2 HWG für Arzneimittel, die dazu bestimmt sind, bei Menschen die Schlaflosigkeit oder psychische Störungen zu beseitigen oder die Stimmungslage zu beeinflussen, untersagt ist, ist seit Jahren bekannt. Da es sich bei Johanniskrautpräparaten aber nicht um ein Mittel handelt, das für die Behandlung psychischer Störungsformen wie Psychosen, Neurosen, persönlichkeitsstörungen oder anderer nicht psychotische oder psychische Störungen bzw. Olegofrenien handelt, sondern es in der Werbung lediglich gegen Erschöpfungszustände aufgrund von Streß und Hektik, nervlicher Überreizung, Erschöpfung und Lustlosigkeit eingesetzt werden soll, ist seine Bewerbung außerhalb der Fachkreise zulässig, die das LG Berlin (91. O. 161/94) entschied (Pharma Recht 1995).
In der Realität bedeutet dies, daß ein Mittel, das den Gemütszustand zu beeinflussen in der Lage ist, dessen Wirkungsweg und die dafür verantwortlichen Wirksubstanz(en) bis heute nicht eindeutig geklärt sind, de facto völlig unkontrolliert vermarktet werden kann.
Hypericin beeinflußt die Wirksamkeit anderer Arzneimittel
Das Institut für Klinische Pharmakologie der Humbold Universität der Berliner Charité fand kürzlich heraus, daß der Extrakt aus dem Johanniskraut bei Personen, die digoxinhaltige Herzmittel einnehmen müssen, die Wirksamkeit des Digoxin deutlich herabsetzt (Johne et al. 1999). Die Autoren gaben in einem plabeco-kontrollierten Einfachblindversuch gesunden Freiwilligen nach fünftätiger einschleichender Digoxintherapie entweder Placebo (n=12 Patienten) oder Johanniskrautpräparat (LI160; 900 mg/d bei n=13 Patienten). Die am ersten Versuchstag (also dem 5. Tag nach Beginn der einschleichenden Digoxineinnahme) gemessenen Digoxinwerte im Blut der Probanden wurden mit jenen Werten verglichen, die am 6. Tag (also dem 1. Placebo-/Verum-Versuchstag) und dem 15. Tag (dem 10. Placebo-/Verum-Versuchstag) gemessen wurden. Unterschieden sich am 1. Versuchstag die Placebo- und die Verumgruppe bezüglich ihrer Digoxinkonzentration noch nicht voneinander, so fand sich am 10. Versuchstag in der mit Johanniskrautextrakt behandelten Probandengruppe ein um 25% (!) erniedrigter Digoxinspiegel.
Ivar Roots, Co-Autor der eben erwähnten Studie, berichtete nach Angaben des "Informationsdienstes Wissenschaft" der Medizinischen Fakultät der Charité vom 18.11.1999 über weitere Untersuchungen, die einen hemmenden Einfluß von Johanniskrautpräparaten auf andere Arzneimittel ergaben. So wurde bei Patienten, die wegen bestehender Depressionen bereits mit Amitriptylin oder Nortriptylin behandelt wurden, unter zusätzlicher 14tägiger Gabe von 900 mg Johanneskraut-Extrakt eine Reduktion der Wirkstoffkonzentrationen um 21% (Amytriptylin) und 40% (Nortriptylin) beobachtet. Ebenso ergab sich, daß Medikamente, die die Wirksubstanz Phenprocoumon enthalten, welche bei Patienten z.B. zur Verhütung von Blutgerinnseln nach Herzinfarkt angewendet wird, schon bei gesunden Probanden im Test eine Verringerung der Phenprocoumon-Spiegel um 17% bewirkten. Patienten, die beispielsweise aufgrund einer viralen Hepatitiserkrankung (u.a. Hepatitis C) eine Leberfibrose erleiden, bauen Johanniskrautpräparate deutlich schneller ab als Lebergesunde, jedoch wird der ebenfalls vorhandene Inhaltsstoff Pseudohypericin deutlich langsamer verstoffwechselt.
Einer weiterer aktuellen Bericht (Ruschitzka et al. 2000), der die Krankengeschichte von zwei herztransplantierten Patienten beschreibt, legt den Verdacht nahe, daß Johanniskraut ursächlich für ein Herabsetzen der Spiegel von Immunsuppressiva ist, die transplantierte Patienten zur Vermeidung einer Abstoßungsreaktion einnehmen müssen. Die Autoren, die an der Züricher Universitätsklinik arbeiteten, berichteten zunächst über einen 61jährigen Patienten mit einer 11 Monate zurückliegenden Herztransplantation, der unter Ciclosporin- (125 mg zweimal tgl.), Azathioprin (100 mg/d) und Corticosteroid- (7,5 mg/d) Immunsuppressionstherapie stand. Der Patient hatte drei Wochen vor seiner Krankenhausaufnahme wegen Depressionen eine Selbstbehandlung mit Jarsin® (900 Mikrogramm Hypericin) in einer Menge von 300 mg/d begonnen. Bei der Krankenhausaufnahme war der Ciclosporinspiegel deutlich gesunken und es war zu einer akuten Abstoßungskrise gekommen. Die Symptome bildeten sich nach Absetzen von Jarsin® wieder zurück. Eine Woche nach Entlassung dieses Patienten kam eine 63jährige herztransplantierte Patientin ebenfalls mit Zeichen einer akuten Abstoßungskrise in die Klinik. Sie hatte das gleiche Immunsuppressionsregime erhalten wie ihr Vorgänge und hatte ebenfalls drei Wochen vorher die gleiche Menge Jarsin® (300 mg/d) wegen Depressionen eingenommen. Auch hier war der Cyclosporinspiegel drastisch gesunken und zwar auf weniger als die Hälfte der notwendigen Konzentration. Auch diese Patientin überstand die Abstoßungskrise, nachdem das Johanniskrautpräparat abgesetzt worden war.
Johanniskrautpräparate haben offensichtlich auch einen störenden Effekt auf gerinnungshemmende Medikamente wie Warfarin, wobei Johanniskrautpräparate die Wirksamkeit von Warfarin herabsetzen können und somit die Gefahr steigt, daß die Patienten thromboembolische Komplikationen erleiden (Yue et al. 2000). Dem schwedischen Gesundheitsministerium wurden in den letzten Jahren insgesamt 8 Fälle gemeldet, in denen Frauen, die mittels Pille verhüteten, derartig verstärkte menstruelle Blutungen erlitten, das medizinische Behandlungsbedürftigkeit entstand. Dabei bestanden enge zeitliche Beziehungen zwischen der Einnahme von Johanneskraut und dem Auftreten von Blutungen, denn es war bei fünf der acht Frauen zwischen beiden Ereignissen nicht mehr als eine Woche verstrichen.
CNN Health gab in einer Pressemitteilung vom 25. Juli 2000 alle jene Wirkstoffe an, die durch Johanneskrautpräparate in ihrer Wirksamkeit herabgesetzt bzw. beeinflußt werden können (Ciampa 2000).
- Medikamente gegen HIV/AIDS: Indinavir, Amprenavir, Nelfinavir, Ritonavir, Saquinavir, Delavirdin, Efavirenz und Nevirapin
- Medikamente gegen Herzkrankheiten: Digoxin, Digitoxin, Diltiazem, Nifedipin und ß-Blocker
- Medikamente gegen Depressionen: Imipramin, Amoxapin und Amitriptylin
- Medikamente gegen Organabstoßung bei Transplantatempfängern: Cyclosporin, Rapamycin und Tacrolimus
- Medikamente gegen Krampfanfälle/Anfallsleiden: Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital
- Medikamente gegen Krebs: Cyclophosphamid, Tamoxifen, Taxol und Etoposid
Nach Ciampa (2000) gibt es in den USA noch keine Kennzeichnungspflicht für johanniskrauthaltige Präparate. Johanniskraut ist in den USA in einer ganzen Reihe von Produkten wie Tees, Drinks oder Nahrungsergänzungsmitteln (functional food) enthalten.
Johanniskrautpräparate bald verschreibungspflichtig?
Ivar Roots erwartet aufgrund dieser Resultate, daß in der Bundesrepublik eine Verschreibungspflicht für Johanniskrautpräparte bevorsteht, da es erkrankten Patienten nicht zugemutet werden könne, die Einnahme von Johanniskrautmedikamenten auf eigene Verantwortung in Einklang mit ihrer Grunderkrankung zu bringen. In Schweden sind Johanniskrautpräparate keine Nahrungsergänzungsmittel, sondern natürliche Heilmittel, für deren Sicherheit und Qualitätskontrolle die Medical Products Agency (MDA) zuständig ist. Aufgrund der diversen Neben- und Wechselwirkungen von Johanniskrautpräparaten hat sich die MDA dieses Jahr entschlossen, alle Hersteller zu kontaktieren und diese zur Anfertigung von wissenschaftlichen Studien zur Abklärung der Problematik anzuhalten. Solange diese Studien fehlen, wurden die Firmen aufgefordert, auf die Packungen und in die Packungsbeilagen einen Vermerk anzubringen, daß Johanniskrautpräparate nicht gleichzeitig mit irgendeiner medikamentösen Therapie eingenommen werden sollten (Yue et al. 2000).
In Österreich ist seit Anfang Juli Johanniskraut als Arzneimittel eingestuft. War es bisher frei verkäuflich, so kan man es ab Juli nur noch in Apotheken verkaufen. Verschiedene Präparate, die in Drogerien öffentlich beworben wurden, dürfen ab sofort nicht mehr abgegeben werden. Ebenso die Präparate, die keine Teezubereitungen sind, sondern das pulverisierte Johanniskraut enthalten, erhalten einen Status als zulassungspflichtiges Arzneimittel (Die Presse, 2000).
Der Weg des Johanniskrautpräparates zeigt, daß auch bei pflanzlichen Arneimitteln es stets denkbar ist, daß diese auf lange Sicht Nebenwirkungen oder sogar Schäden erzeugen können. Vor einem permanenten Konsum dieser Präparate wäre deshalb meiner Meinung nach vor allem dann abzuraten, wenn es sich bei den Konsumenten um Kinder, Schwangere, Stillende, Patienten mit bestehenden und bereits mit anderen Medikamenten behandelten Depressionen, Patienten mit digoxinpflichtigen Herzerkrankungen, medikamentös behandelten Gerinnungsstörungen oder Leberfunktionsstörungen handelt. HIV- oder AIDS-Patienten sollten sich gerade bei schlechter Abwehrlage überlegen, Johanniskrautpräparate als Antidepressivum nur in niedrigen Dosen einzunehmen, um einer Photosensibilisierung zu entgehen. Vor allem Patienten, die Proteasehemmer einnehmen, um die Viruslast zu senken, sollten keine Johanniskrautpräparate konsumieren, um einer Resistenzbildung von HIV und damit einem vorzeitigen Versagen der Therapie vorzubeugen.
Nach einer längeren Periode des Abwartens wird nun auch in Deutschland behördlicherseits das Nebenwirkungspotential des Johanniskrauts erkannt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ließ zu Jahresbeginn 2000 verlauten, "Ergänzungen" an den Packungsbeilagen anordnen zu wollen (Arznei-Telegramm 2000).
Neuste Pressemitteilungen zeigen, daß das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die betroffenen pharmazeutischen Unternehmer am 24.3.2000 darüber unterrichtet hat, dass Änderungen in den Gebrauchs- und Fachinformationen von Johanniskraut (Hypericum)-haltigen Arzneimitteln für erforderlich gehalten werden. Die Hersteller haben Gelegenheit im Rahmen einer schriftlichen Anhörung nach dem Stufenplan innerhalb von 4 Wochen Stellung zu nehmen (Pharmazeutische Zeitung 2000).
Das BfArM beabsichtigt folgende Ergänzungen der Produktinformationen anzuordnen:
Abschnitt: Gegenanzeigen
"Nicht anwenden bei schweren, endogenen Depressionen. [Arzneimittelname] darf nicht gleichzeitig eingenommen werden mit folgenden Wirkstoffen: Antikoagulantien vom Cumarintyp (z.B.: Phenprocoumon) Ciclosporin Digoxin Indinavir und anderen Proteaseinhibitoren in der Anti-HIV-Behandlung Nicht anwenden bei bekannter Lichtüberempfindlichkeit."
Abschnitt: Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für den Gebrauch:
"Bei gleichzeitiger Anwendung von [Arzneimittelname] kann die Wirksamkeit von Theophyllin und einigen Antidepressiva abgeschwächt sein. Patienten, die [Arzneimittelname] und gleichzeitig Arzneimittel mit einem dieser Wirkstoffe einnehmen, sollten den Rat ihres behandelnden Arztes einholen (siehe auch Abschnitt ‚Wechselwirkungen ‘). Während der Anwendung von [Arzneimittelname] sollte eine intensive UV-Bestrahlung (lange Sonnenbäder, Höhensonne, Solarien) vermieden werden."
Abschnitt: Wechselwirkungen mit anderen Mitteln und andere Formen von Interaktionen:
"In Einzelfällen wurden Wechselwirkungen, die zu einer Abschwächung der therapeutischen Wirksamkeit führen können, mit folgenden Mitteln festgestellt (siehe auch Abschnitte: ‚Gegenanzeigen‘ und ‚Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für den Gebrauch‘): Antikoagulantien vom Cumarintyp (z.B.: Phenprocoumon) Ciclosporin Digoxin Indinavir Nefazodon, Amitriptylin, Nortriptylin, Paroxetin, Sertralin oralen Kontrazeptiva Theophyllin. Eine Verstärkung der photosensibilisierenden Wirkung anderer Arzneimittel ist möglich. Bei gleichzeitiger Einnahme zentral dämpfender Antidepressiva kann deren Wirksamkeit verstärkt sein."
Abschnitt: Unerwünschte Wirkungen:
"Bei der Anwendung dieses Arzneimittels kann es vor allem bei hellhäutigen Personen durch erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht (Photosensibilisierung) zu sonnenbrandähnlichen Reaktionen der Hautpartien, die starker Sonnenbestrahlung ausgesetzt waren, kommen. Selten können gastrointestinale Beschwerden, allergische Reaktionen, Müdigkeit oder Unruhe auftreten."
Von diesen Maßnahmen werden allerdings homöopathische Zubereitungen ausgenommen, die Hypericum in einer Potenz von D2, D3 oder höheren Potenzen enthalten. Dies bedeutet, daß es Herstellern homöopathischer Präparate erlaubt sein wird, auf der Basis von Pflanzensaft-Auszügen Verdünnungen von 1:100 (D2) ohne Wirksamkeitsnachweis in Verkehr zu bringen, nicht jedoch Präparate in einer Verdünnung von 1:10 (D1) oder in unverdünntem Zustande von 1:1 (D0, Urtinktur).
Vor dem Hintergrund der in jüngster Zeit bekannt gewordenen Risiken hält es die Arzneimittelkommission für dringend erforderlich, Johanniskraut-haltige Arzneimittel baldmöglich der Apothekenpflicht zu unterstellen. (Pharmazeutische Zeitung 2000).
© Roland Ziegler (26.7.2000)
Literatur
- Arznei-Telegramm
- Johanniskraut doch mehr als ein "Edelplacebo"?
- Arznei-Telegramm, Nr.8, 81, 1996 (www.arznei-telegramm.de)
- Arznei-Telegramm
- Neues zu Johanniskraut (Jarsin u.a.) - Manie und wichtige Interaktionen
- Arznei-Telegramm, Nr.3, 2000 (http://www.arznei-telegramm.de/0003/neben.shtml)
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- Pflanzliche Antidepressiva.
- Seminararbeit, Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie, Prof. P. Schreiber, Würzburg, 15-20, Sommersemester 1999
- Bernd, A., Simon, S., Ramirez Bosca, A., Kippenberger, S., Diaz Alperi, J., Miquel, J., Villalba Garcia, J.F., Pamies Mira, D., Kaufmann, R.
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Gerichtsstand ist Wadern/Saarland
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