Hi biggy,
beim Aufarbeiten letztens liegengebliebener Sachen fiel mir dieses Teil noch auf; damals eingescannt, aber nicht mehr gebracht -> hiermit nachgeholt.
<hr>
- Quelle ist
Prange/Bitsch: Notfallbuch Neurologie.
Wiss. Verlagsges. Stuttgart, 2002; S. 409ff.
- Eigene Anmerkungen sind grün bzw. rot gehalten.
30.2 Serotonin-Syndrom
30.2.1 Ätiologie und Pathogenese
Das Serotonin-Syndrom ist insgesamt selten, auch bei Patienten, die mit einer Kombination aus zwei serotoninergen Medikamenten behandelt werden. Die meisten beschriebenen Fälle traten infolge von Medikamenten-Wechselwirkungen auf: Kombination von Medikamenten, die über verschiedene Mechanismen den zerebralen intrasynaptischen/extrazellulären Serotoninspiegel erhöhen (s. Tab.). Einzelfallberichte über das Auftreten eines Serotonin-Syndroms nach Monotherapie (meist nach Überdosierung) mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oder Moclobemid sind mit Vorsicht zu bewerten. Häufige Kombinationen mit Neigung zur Entstehung eines Serotonin-Syndroms sind
Tranylcypromin (Jatrosom® N) plus SSRI oder (weniger gefährlich)
Moclobemid (Aurorix®) plus SSRI. Auch die Kombination Chlorpheniramin plus Brompheniramin (in Erkältungsmitteln) kann ein Serotonin-Syndrom auslösen.
Die Stimulation von postsynaptischen 5-HT
1A-Rezeptoren im unteren Hirnstamm und im Rückenmark soll eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Entstehung des Serotonin-Syndroms sein. Weitere disponierende Faktoren werden vermutet.
30.2.2 Klinische Symptomatik und Krankheitsverlauf
Die Diagnose wird gestellt, wenn die
diagnostischen Kriterien nach Sternbach (s. ...
-unten- ) erfüllt sind. Die Symptomatik entwickelt sich in der Regel innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen nach Änderung der Therapie (Dosissteigerung und/oder zusätzliche Gabe eines Medikaments):
- Bewusstseinsstörungen:
Desorientiertheit, Verwirrtheit, Euphorie, Agitiertheit, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Halluzinationen, Bewusstseinstrübung bis zum Koma, epileptische Anfälle
- Autonome Dysregulation:
Schwitzen, Diarrhöen, Fieber, Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Hyper- oder Hypotonie (erhöhter/verminderter Blutdruck), Tachypnoe (beschleunigte Atmung), Mydriasis (abnorm weite Pupillen), fehlende Pupillenreaktion, Flush (großflächige Hautrötung), Bauchschmerzen, Salivation (Speichelfluss)
- Störung anderer neurologischer Systeme:
Hyperreflexie, Zittern, Tremor, Myoklonien, Muskelrigidität (Muskelsteifigkeit), Hyperaktivität, Koordinationsstörungen, Unruhe, Ataxie (Gangstörungen/-unsicherheit), Nystagmus ("Augenzittern"), Zähneklappern, Opisthotonus (extreme Rückbeugung des Körpers durch ungewollte Muskelanspannung), Trismus (Kaumuskelkrampf)
- In schweren Fällen:
Disseminierte intravasale Gerinnung, Azidose, Ateminsuffizienz, Rhabdomyolyse, Nierenversagen, Herzrhythmusstörungen, ARDS, Koma, Tod
30.2.3 Risikofaktoren
Es wird eine Dosis-Wirkungs-Korrelation angenommen. Deshalb beeinflussen pharmakokinetische Parameter das Risiko:
* Lange Halbwertszeit:
MAO-Inhibitoren und einige SSRI (z.B. Fluoxetin) haben einen langen wash out (Verbleib im Körper), so dass beim Umsetzen von einem Medikament zum anderen ein Sicherheitsabstand von 5 Wochen eingehalten werden sollte, um Wechselwirkungen zu vermeiden.
* Metabolisierung einiger Medikamente
(z.B. Paroxetin, Fluoxetin) über CYP450 2D6, das bei bis zu 8% der einheimischen Bevölkerung eine verminderte Aktivität aufweist (sog. "poor metabolizer") >> erhöhte Serumspiegel >> erhöhtes Risiko.
30.2.4 Differenzialdiagnose
Hier ist insbesondere das maligne neuroleptische Syndrom (MNS) zu nennen ...
Im Gegensatz zu MNS sind die Patienten beim Serotonin-Syndrom hyperaktiv und haben häufig einen Tremor und eine Hyperreflexie. Außerdem beginnt das Serotonin-Syndrom schneller als das MNS.
30.2.5 Therapie
Auslösende Medikamente absetzen!
In 90% aller Fälle kommt es allein hierdurch zu einer Besserung innerhalb von 24 Stunden. Je nach Symptomatik sind ... (supportive Maßnahmen) notwendig:
(...)
Die Prognose ist insgesamt gut.
Nach Absetzen der auslösenden Medikamente und symptomatischer Therapie kommt es innerhalb von Stunden zur Besserung.
Fast alle beschriebenen Todesfalle waren durch die Kombination von SSRI mit MAO-Inhibitoren bedingt.
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Tab.: Substanzen, welche die Serotoninaktivität erhöhen und an der Ausbildung eines Serotonin-Syndroms beteiligt sein können (Auswahl).
- Erhöhte Serotonin-Synthese
- L-Tryptophan
Verminderter Serotonin-Abbau
- Moclobemid (Aurorix®)
- Selegilin (Movergan®)
- Tranylcypromin (Jatrosom®)
- Isoniazid
Vermehrte Serotonin-Freisetzung
- Amphetamine (dazu gehört das RITALIN !)
- Kokain
- Ecstasy
- Reserpin
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer:
* SSRI
- Fluvoxamin (z.B. Fevarin®)
- Fluoxetin (z.B. Fluctin®)
- Paroxetin (z.B. Tagonis®, Seroxat®)
- Sertralin (Gladem®, Zoloft®)
- Venlafaxin (Trevilor®)
- Citalopram (Cipramil®, Sepram®)
* Trizyklische Antidepressiva
- Imipramin (z.B. Tofranil®)
- Clomipramin (z.B. Anafranil®)
Direkte Serotoninrezeptor-Agonisten
- Buspiron (5-HT1A) (Bespar®, Busp®)
- LSD (5-HT2)
- Sumatriptan (5-HT1D) (Imigran®)
Andere
- Brompheniramin
- Bromocriptin
- Chlorphenamin
- Lithium
- Tramadol
- Dextromethorphan (z.B. in Hustensaft)
- Pethidin
- Tilidin (+Naloxon in Valoron N® u.a.)
Diagnosekriterien nach Sternbach:
- A) Neuverordnung oder Dosissteigerung eines serotoninergen Medikaments
B) Vorliegen von mindestens drei der folgenden Symptome:
- Bewusstseinsstörung
- Agitation (Aufgeregtheit ohne erkennbaren Grund)
- Myoklonien (Muskelverkrampfungen)
- Hyperreflexie (gesteigerte Reflexe)
- Schwitzen
- Frösteln
- Tremor (Zittern)
- Diarrhoe (Durchfall)
- Koordinationsstörung
- Fieber
C) Ausschluss anderer Ursachen: Infektionen, metabolische Störungen, Abusus oder Entzug von Substanzen
- Keine kürzlich begonnene Therapie oder Dosissteigerung eines Neuroleptikums
<hr>
FAZIT:
Wenn bei der Umstellung oder kurz danach nichts passiert ist, dann ist das Risiko
jetzt jedenfalls geringer - ein begrüßenswerter Zustand ist das natürlich trotzdem nicht.
Alles Gute noch, Dein
-PhilRS.