Hi Marie,
Marie hat geschrieben:Kann mir mal jemand bitte erklären, was eine massive dissoziation ist?
Gegenfrage: Wer hat den Begriff benutzt?
(Die einzigen Ärzte, von denen ich das häufiger gehört habe, waren Anästhesisten - und zwar solche, die ihre Narkosemittel selbst genommen haben: Ketamin, ein "dissoziativ" wirkendes Zeug.)
Hintergrund: Psychiater werden den Begriff eher selten gebrauchen, weil er unspezifisch ist.
Dissoziation kann alles mögliche sein; im Allgemeinen meint das eine Art "Auseinanderdriften" von Dingen, die sonst zusammengehören: Also von Persönlichkeits-Anteilen, Motivationen+Handlungen, Denkabläufen+Emotionen usw.
"Dissoziation" sagt erst mal recht wenig aus. So redet man kaum, es sei denn, es kommt eine Spezifizierung noch hinterher. Denn die Art der Dissoziation ist wesentlich für die Diagnose, nicht irgendeine Dissoziation allgemein.
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Wenn Du eine Definition suchst: Die Literatur bietet hierzu "eindrucksvolle"
Rabulistik. Ich zitiere mal Möllers/Laux' Wälzer
(Achtung - KEIN Witz, Originalzitat!):
S.1276 hat geschrieben:"Der Dissoziationsbegriff entzieht sich nach wie vor einer klaren begrifflichen Bestimmung. Er erscheint einmal in einer sehr breiten, ein andermal in einer sehr eingeengten Bedeutung. (...)
Der Begriff wird sowohl deskriptiv als auch erklärend gebraucht. Es ist nach wie vor unentschieden, ob normalpsychologische und pathologische Zustände einer Dissoziation auf einem Kontinuum anzuordnen oder aber treffender als 2 disjunktive Kontinua zu konzipieren sind. Unklar bleibt dann aber, wie beide Bereiche aufeinander zu beziehen sind."
Na, alle Klarheiten beseitigt? Bei mir schon
<hr>
Also lieber zu Deiner konkreten Frage.
Du triffst mit mehreren Punkten in der Signatur in etwa den Kern.
Depersonalisierung ist eine Art von Dissoziation.
Aber sie kann z.B.
-
als dissoziativ empfunden werden (d.h. der Patient bemerkt das "Unreale" dieser Empfindung, während er sie hat - was sehr belastend sein kann - und damit "dissoziiert" er nicht im letzten Schritt), das wäre kein wirklich typisches "schizophrenes" Symptom;
- undistanziert vom Geschehen, persönlich, als real erlebt werden, was schon viel eher für eine Schizophrenie spräche (d.h. der Betroffene bezeichnet nicht nur das Gefühl des "Neben-sich-Stehens", vielmehr meint er tatsächlich, aus sich heraus zu treten, sich zu verwandeln etc. - und handelt mglw. entsprechend unberechenbar).
Derealisation als verwandtes Geschehen kann ebenfalls verschiedenste Ausprägungen haben, qualitativ und quantitativ.
- Beispiel: Ich habe das Gefühl, alles ist irgendwie unwirklich, ich empfinde die Umgebung (plötzlich) als entfremdet/befremdlich (sowas erlebt wohl jeder mal irgendwie).
- verschärft: Alles um mich herum ist "Kulisse", alle spielen bloß Rollen, alles ist nicht wirklich da oder existiert ohne Beziehung zu mir etc.
- es gibt noch massig andere "Dissoziationen", auch in Kombinationen z.B. mit Wahninhalten und sonstwas, ich könnte einen Roman drüber schreiben.
Tatsache bleibt nur, dass das Wort allein nichts sagt. Oder eben doch - über die Ahnung, die derjenige von der Situation des Pat. hat.
Denn leider geht die "Diagnose" oft nach Schema F, nach Fragebögen, wo anzukreuzen ist: "Depersonalisation JA/NEIN" usw.
Im Einzelfall lässt sich so vieles verbiegen und begründen. Aber richtig dusslig ist es, wenn "Dissoziation" ohne weitere Erläuterung genannt wird. Da kann man sich ein Ei drauf pellen, wie man hier in Berlin sagt.
Man braucht sehr viel Einfühlungsvermögen und Erfahrung, und Bereitschaft sich auf den Pat. einzulassen, um das genau zu explorieren. "Schizophrenie" daraus abzulesen ist unsinnig.
Trotzdem Alles Gute,
-PhilippRS.
ps: zum Thema "etwas sagen, was man nicht will" -> da müsste man so tiefgehend fragen, das kann weder hier noch per PN noch sonstwie in diesem Rahmen sein. Sehr heikel.