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Frage zum scheinbar seltenen Antidepressivum Meresa

Hier lassen sich auch viele Erfahrungsberichte über das Absetzen von Antidepressiva und Benzodiazepinen finden.
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starlit
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Frage zum scheinbar seltenen Antidepressivum Meresa

Beitrag von starlit »

hallo an alle :)

ich habe vor kurzem erfahren, daß meine mutter scheinbar schon recht lange das antidepressivum "meresa" (wirkstoff: sulpirid) nimmt.

da meine mutter immer schon alles negative gern von mir fernhält, wußte ich davon nichts, habe mich nun aber versucht, wenigstens über das internet schlauzumachen.
aber: meresa scheint mir ein eher seltenes, untypisches antidepressivum zu sein?! ist das richtig?

ich wäre für absolut ALLE infos, die jemand darüber hat, dankbar, also zb ob es ein starkes mittel ist, ob es abhängig macht, ob es häufig verschrieben wird, etcetcetc...

vielen lieben dank im voraus an alle, die mir helfen können! :)
PhilRS
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slightly too late... see You!

Beitrag von PhilRS »

ach schade, das war jetzt minimal zu spät.

Aber ich zwinge mich jetzt zum Abbruch, morgen schreib ich dazu was.

2 Fragen (wenn Du sie beantworten willst, nicht nötig f.m.A.):
-wie alt ist Deine Mutter?
-welche Diagnose steckt dahinter?

Es ist -naja- eine Art Neuroleptikum. Wird aber gegen weiß-der-Geier-alles verschrieben, so dass man vermuten darf, dass dabei viel Legende ist.

Denn ein Präparat mit solchen Heilsversprechen - tendenziell unrealistisch.

Doch wie gesagt, morgen mehr.

Gute Nacht
-PhilippRS.
Potenzieller Interessenkonflikt: Beamter, Forensische Psychiatrie (Finnland) seit 1/08.

Quellen: Medizin allgemein BMJ | JAMA | Lancet | NEJM || Psychiatrie/Neurologie Acta Psychiatr Scand | Am J Psychiatry | Arch Gen Psychiatry | Br J Psychiatry | JAACAP | JCPP | J Clin Psychiatry | J Clin Psychopharmacol | Neurology || Open Access | Ann Gen Psychiatry | BMC Psychiatry | Can J Psychiatry | CMAJ | CNS Spectrums | Depress Anxiety | PLoS Med
PhilRS
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weiter geht's...

Beitrag von PhilRS »

Na denn man los!

Sulpirid-Beipackzettel-Infos lasse ich mal weg, die kannst Du bestimmt selber finden. Ich schreibe mal was der Verordner sich dabei denkt (oder glaubt zu wissen).

Es ist primär ein atypisches Neuroleptikum, ein Benzamid, wird aber eher selten bei Schizophrenien eingesetzt. Seltsamerweise eher bei Depressionen.

Begründung: Es sei ein eigentlich hochpotentes NL., was aber nur wenig über die Blut-Hirn-Schranke geht, also nur geringe antipsychotische Wirkung haben soll.

Warum es aber statt dessen bei Depressionen wirken soll, bleibt rätselhaft, weil dazu muss es ja auch ins Gehirn.

Mit Hochdosierungen (über 600mg) "erzielt" man damit auch typische NL-Störwirkungen, also EPMS u.ä.

Die Nebenwirkungen sonst: Hormoneller Art, d.h. Männern würde ich es nicht empfehlen (macht Gynäkomastie usw., Verweiblichung) -> daraus könnte sich eine vermeintliche Indikation ableiten für Frauen in den Wechseljahren. D.h. es soll wohl gegen Hitzewallungen helfen, persönlich bin ich da eher skeptisch.

Ich halte dieses NL-Verordnen wg. Klimakterium für fragwürdig, übrigens "beliebter" ist da z.B. IMAP (Fluspirilen). Eine "klassische" Indikation für Sulpirid (Zitat OA) sind "quenglige alte Frauen". Dazu muss man wohl nichts weiter sagen...

Als Nebenwirkung noch wichtig: Aktivierung, darum nicht nach 16:00 Uhr einnehmen (so haben wirs immer gegeben). Sonst Schlaflosigkeit.

<hr>
Verwandt sind Amisulprid (SOLIAN) und - hoppla, ein Pharma-Unfall - Remoxiprid (ROXIAM).

Das ist schon fast wieder vergessen... war vor ca. 11 Jahren, ich erinnere mich weil ich Weihnachten Dienst hatte (ca. 1993).
Am 25.12. kam die Anordnung von oben: "ROXIAM sofort absetzen!", und wir hatten das auszubaden. Kein Arzt da, aber 4 Patienten, die absolut wegdrehten ohne das Zeug.

Damals bin ich nachdenklich geworden, was unsere Arzneimittel-Gießkanne anbetraf, zum ersten Mal. Einer der Betroffenen hatte mir immer wieder gesagt "ihr gebt uns Gift!", und er hatte wirklich recht. Gruslig.

Grund für die Marktrücknahme waren BTW Knochenmarksschäden, Blutbildungsstörungen, also echt finstere Sachen.

<hr>
Zurück zum Sulpirid:

Nach der Fachliteratur wird heute i.d.R. angezweifelt, dass man das bei Depression verwenden sollte. D.h. die Wirksamkeit ist fragwürdig, und die Indikationsstellung auch. Es kann im Einzelfall was bringen, aber ist kein Erstwahl- und meines Erachtens auch kein Zweitwahlmittel.

Daher meine obigen Fragen gestern.

Alles Gute, Grüße von
-PhilippRS.
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Beitrag von starlit »

vielen lieben dank für deine antwort :)

meine mutter ist 62. die exakte diagnose kenne ich nicht. vielleicht wurde dieses poräparat verschrieben, weil sie über 20 jahren eine eileiterschwangerschaft mit gebärmutterentfernung hatte, d.h. nie in die wechseljahre kam, da sie nach dem eingriff ja auch keine regelblutungen mehr hatte. vielleicht gibt es da hormonelle zusammenhänge, und es wurde deshalb gerade dieses atypische medikament verschrieben?

ein "eigentlich hochpotentes "NL"... das klingt ja nach sehr starkem mittel. auf der packung steht "meresa 50 mg". ist das ein starkes mittel, das sie nimmt? kann man daraus schließen, daß sie starke depressionen hat?
PhilRS
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Beitrag von PhilRS »

starlit hat geschrieben:meine mutter ist 62. die exakte diagnose kenne ich nicht.
Evtl. bist Du da nicht der Einzige, Du verstehst was ich sagen will.
ein "eigentlich hochpotentes "NL"... das klingt ja nach sehr starkem mittel.
NEIN! Deshalb hatte ich extra die Sache mit der Blut-Hirn-Schranke geschrieben, Entschuldigung falls missverständlich. Es wirkt nicht stark, außer in Hochdosierung!
auf der packung steht "meresa 50 mg". ist das ein starkes mittel, das sie nimmt? kann man daraus schließen, daß sie starke depressionen hat?
1. Nein.
2. Im Gegenteil (s.u.).

Bei Depressionen werden Dosierungen "bis zu 400mg" verwendet, bei 50ern also wären das 8 Stück - d.h. wenn es so gedacht wäre, würde man eine größere Einheit verwenden.

Das Missverständnis hätte sich vermeiden lassen, wenn ich die Dosierung gleich gewusst hätte:
In 50mg-Einzeldosen wird das gegen Schwindel verwendet (v.a. bei Morbus Meniere). Das kann man mehr oder weniger mit allen Neuroleptika tun, es hängt eher davon ab, inwiefern sich der Hersteller um die Indikation und diesbezügliche Zulassung kümmert.

Der Doc wollte wohl was geben, womit er im Zweifelsfall möglichst wenig Schaden anrichtet. In dieser (Niedrig-)Dosierung gilt Sulpirid auch über lange Zeiträume eingenommen als sicher.

Also was Deine Befürchtungen angeht, erstmal Entwarnung.
Für mich heißt das aber: Ich muss mich kräftig zusammenreißen, um nicht mit Infos, die mglw. gar nicht sinnvoll sind, unnütz Beunruhigung auszulösen.

Es tut mir leid, wenn ich Dich verunsichert haben sollte: Ich habe an dieser Stelle und wg. der Art Deiner Frage einfach angenommen, es ginge um einen Einsatz als AD. Das ist zwar nicht ganz ausgeschlossen, aber selbst wenn, dann ist es in dieser Form kein Grund, deshalb die Pferde scheu zu machen.

(...zerknirscht...)
Wird mir eine Lehre sein.

<hr>
Wenn Du aus sonstigen Gründen Bedenken gegen die lange Einnahme hast, sprich wenn möglich mit Deiner Mutter.
Ich gehe davon aus, dass der verschreibende Arzt wusste, was er tut: Das bedeutet, dass z.B. ein Neurologe die unterschiedlichen Formen von Schwindel unterscheiden kann. Also einen Schwindel, den man ohne Med. wegbekommt (benignen Lagerungsschwindel) auch erkennt usw.

Alles Gute für Euch
-PhilippRS.
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starlit
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Beitrag von starlit »

vielen dank für deine antwort :)

da meine mutter nicht an schwindel leidet und nie litt, ist es wohl wenig sinnvoll, daß sie dieses medikament nimmt. sie ist der ansicht, sie nehme es gegen depressionen bzw "für die nerven" wie ich sie sagen hörte.
naja, vielleicht placeboeffekt?
PhilRS
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Beitrag von PhilRS »

starlit hat geschrieben:sie ist der ansicht, sie nehme es gegen depressionen bzw "für die nerven" wie ich sie sagen hörte.
(Grusel, aber nicht wegen Deiner Mutter!!)

naja, vielleicht placeboeffekt?
Was ich zu einer solchen Variante sagen würde :frust:

Ich musste mich ganz doll am Tisch festhalten eben!
Um dem Ganzen wenigstens versuchsweise noch eine positive Note zu geben, hab ich mal das Freundlichste rausgesucht, was die Literatur so bietet (außer der Hersteller-Werbung natürlich):

Folgendes ist zitiert aus dem Sulpirid-Abschnitt in Mutschler: Arzneimittelwirkungen. 8. Aufl., Stuttgart 2001.
Seite 170 li. Spalte hat geschrieben:1.2.2.3.2 Benzamide

Das in seiner chemischen Struktur von den bisher beschriebenen Neuroleptika gänzlich abweichende Benzamid-Derivat Sulpirid ist ein weitgehend selektiver D2-Antagonist. Es besitzt sowohl neuroleptische als auch antidepressive Eigenschaften. Auch wirkt es nicht sedierend, sondern antriebssteigernd und stimmungsaufhellend.

(...)

In einer Dosierung von 150-300 mg wird es bei psychosomatischen Erkrankungen, Antriebs- und Affektstörungen, depressiven Verstimmungen sowie Schwindel eingesetzt. In hoher Dosierung (600-1200 mg pro Tag) ist Sulpirid bei akuten und chronischen Schizophrenien indiziert.

Die unterschiedliche Wirkung in Abhängigkeit von der Dosierung wird dadurch erklärt, dass Sulpirid in niedriger Dosierung vor allem präsynaptische Dopamin-Rezeptoren blockiert und damit die Dopaminfreisetzung steigert, in hoher Dosierung dagegen prä- und postsynaptische Dopamin-Rezeptoren hemmt.

Als Nebenwirkungen können Amenorrhö und Galaktorrhö, sexuelle Stimulation, Akkommodationsstörungen, allergische Reaktionen und Schlaflosigkeit auftreten. Bei hoher Dosierung sind, wie bei anderen Neuroleptika - allerdings seltener -, Dyskinesien und extrapyramidal-motorische Störungen zu beobachten.

Bei agitierten Patienten, Epilepsien und manischen Phasen ist Sulpirid kontraindiziert.

(...)

Eine Analogsubstanz ist Amisulprid ...
(als Erläuterung meines :evil: :!: :frust: folgende Faustregel:)

Je mehr Indikationen ein Medikament für sich beansprucht bzw. je unterschiedlicher die einzelnen Einsatzgebiete sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man es bei einer dieser Indikationen sinnvoll einsetzen kann - weil es entweder
(A) nicht ausreichend oder gar überhaupt nicht wirkt, oder
(B) die Störwirkungen den Nutzen übersteigen.

Hier muss ich hoffentlich nichts weiter sagen... meine Hoffnung ist, dass der Verordner an irgendeine Alternative gedacht hat und für dieses Rp. einen sehr guten Grund hatte.

Gruß
-PhilippRS.
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