Jetzt möchte ich auch ein wenig Luft ablassen:
Ich bin seit August 2008 im Club. Habe mich selber in eine psychiatrische Abteilung eigewiesen, weil mir, nun ja, die Argumente zum Leben ausgingen. Da schrillten bei mir sämtliche Alarmglocken, und ich beschloss, dass es an der Zeit war zu handeln. Die Diagnose lautete "Rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtig mittelschwerer Episode; Verdacht auf Zwangsgedanken". Die Zeit in der Klinik (1 Woche Station, 2 Monate Tagesklinik) gehört zu den wertvollsten in meinem Leben, weil ich in dieser Zeit unglaublich viel über mich und das Leben gelernt habe. Doch dazu später.
Damals war ich froh, gut aufgenommen zu werden und auch medikamentös versorgt zu werden. Ich wurde schnell auf 150 mg Trevilor eingestellt. Es hat mir damals gut geholfen, ich spürte nach kürzester Zeit eine angstlösende Wirkung. Nach wenigen Tagen war das ewige Grübeln passé. Ich konnte endlich daran gehen, nach den Ursachen meiner Krankheit zu forschen. Damals fiel es mir schon auf, dass der behandelnde Arzt, sei er auch noch so kompetent und einfühlsam gewesen, weder an eine schnelle Wirkung, noch an Nebenwirkungen glaubte. Ich muss hier einfügen, dass ich bei 1,62m nur knapp 50kg wiege (nein, keine Magersucht...), und dass mein Stoffwechsel meiner Meinung nach sehr speziell ist. Jedenfalls wirken Medikamente bei mir absolut durchschlagend oder gar nicht. Von Absetzproblemen war nie die Rede, und ich war so froh, endlich Hilfe zu bekommen.
Also, subjektive Wirkung von Trevilor in den ersten Tagen: angstlösende und dämpfende Wirkung, häufiges Wasserlassen, besonders nachts ("Naja, vielleicht trinken Sie hier mehr Wasser, weil Ihnen langweilig ist."
So weit so gut. Wie ich schon sagte, bekam mir der Klinikaufenthalt ausgesprochen gut. Die Therapien (Sport, Kunst, Ergo, Gruppe, Einzelgespräch) wurden sehr einfühlsam von Nichtärzten durchgeführt, und die Kunsttherapie führte zu wahren Durchbrüchen. Ich kam zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zu mir selbst.
Leider kam zu den Nebenwirkungen bald ein totaler Libidoverlust hinzu, was echt blöd ist, wenn zu den schlimmsten Grübelthemen starke Beziehungszweifel/ -ängste gehören. Dennoch verlief die Therapie weiterhin super.
Nach der Entlassung hatte ich sofort einen ambulanten Therapieplatz für eine kongnitive Verhaltenstherapie. Bis Dezember fühlte ich mich soweit stabilisiert, dass die Nebenwirkungen den Nutzen des ADs zu überwiegen schienen. Da ich eh kein Fan von ständigem Pillenschlucken und Chemiebomben bin, war klar, dass ich das Trevilor absetzen würde. Ich besuchte also einen Neurologen, der aber keine Lust hatte, das Ausschleichen genau zu überwachen, und mir nur ein paar Tipps auf den Weg gab, nachdem er mir ausführlich drei Philosophien über AD erläutert hatte (mir stellten sich die Nackenhaare auf, als er meinte, dass viel Ärzte AD auf mehrere Jahre ansetzen). Ko - mi - scher Vogel. Sein erster Tipp: Ich könne gut abdosieren indem ich bspw. abwechselnd einen Tag 150mg nähme und einen Tag 75mg.
Den ersten richtigen Schuss vor den Bug bekam ich im Urlaub: Im Eifer der Anreise hatte ich vergessen, eine Tablette einzunehmen. Nach einem halben Tag hatte ich Schwindelanfälle und Elektroschocks bis in die Fingerspitzen, ich fühlte mich krank, matt und schlaflos. Am zweiten Tag ging gar nichts mehr. Koordination gegen Null, Übelkeit, dazu Symptome wie am Tag zuvor. Ich dachte schon, ich würde zum ersten Mal in 27 Jahren höhenkrank, da fiel mein Blick auf mein Pillendöschen. Kurz und gut: Nach Einnahme der Tablette und einer Mütze Schlaf ging es mir wieder prima, aber ich war gewarnt.
Der Rest im Schnelldurchlauf:
Anfang Januar: 75mg
Mitte Januar: 56,25mg
Ende Januar: 37,5mg
Anfang Februar: 18,75mg
Hier stellte sich plötzlich die Fähigkeit zu weinen wieder ein. Mir fiel auf, dass ich während der Therapie kein einziges Mal geweint hatte.
Seit 1. März: frei von Trevilor
Und dann war ich echt sauer, weil sich trotz des mühsamen Runterdosierens sofort wieder die gleichen Entzugssymptome meldeten. Da ich aber fest entschlossen war, das Medikament ganz loszuwerden (Teufelszeug, pfui!), habe ich bis jetzt durchgehalten, und ich denke, so langsam zahlt es sich aus. Mein Gleichgewicht festigt sich, die Stromschläge werden seltener, nur Übelkeit, Sodbrennen und Fressflashs haben noch nicht nachgelassen. Es schüttelt mich beim Gedanken an Medikamente, Alkohol, Kaffee und Zucker (obwohl ich während der Therapie zum Kaffee- und Kuchenmonster mutiert war), und ich könnte mich den ganzen Tag von Chips, Trinkbrühe, herbem Früchtetee und Nudeln ernähren! Meine Libido kommt langsam zurück, kollidiert aber noch mit dem anhaltenden Krankheitsgefühl. (Schatz, ich hätte gerne Sex, aber stell den Eimer neben das Bett, ja?
Mir hilft es kolossal, die Erfahrungberichte hier im Forum zu lesen, da es mich daran erinnert, wie stark der Einfluss von Trevilor auf meinen Körper ist. Mein Therapietagebuch erinnert mich daran, dass ich nicht alles vergessen habe, was ich gelernt habe, und dass die Therapie nicht umsonst war.
Mein Fazit: Ich war damals sehr dankbar, dass mir das Medikament so schnell geholfen hat. Die größere, wichtigere und effektivere Hilfe war aber die Therapie, die Auseinandersetzung mit mir selbst. Mein bisheriges Leben wurde fast komplett auseinandergenommen. Ich hoffe, dass das, was geblieben ist, auch das ist, was mir gut tut. Was wegfiel, machte Platz für neue Perspektiven. So auch das Medikament: Heute denke ich, dass ich es auch ohne Trevilor geschafft hätte. Aufgrund mangelnder Kenntnis und - ja - hilfloser Ärzte habe ich es trotzdem probiert. Was bleibt, ist der Wunsch, zu einem bewussteren Umgang mit AD beizutragen.
Wenn ich sehe, wie viele Menschen AD gegen Schmerzen, Wechseljahresbeschwerden oder das prämenstruelle Syndrom verschrieben bekommen, wird mir schlecht. Ich verteufele diese Medikamente nicht, aber sie sind einfach zu gefährlich, um sie mal eben wie Aspirin "einzuwerfen". Ja, sie können helfen. Nein, sie sind nicht unbedenklich. Ja, sie machen abhängig. Was wir brauchen, sind Ärzte, die wirklich Verantwortung übernehmen, die aber auch dem Patienten die nötige Verantwortung zubilligen und ihn weder als Mimose, noch als therapieresistent abstempeln.
Vielen Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben
Liebe Grüße, Antje